Der SGG-Kapitän verlässt die Brücke

Jean-Daniel Gerber wurde an der GV 2011 zum Präsidenten der SGG gewählt. Die Handlungslogiken von Staat und Wirtschaft waren dem ehemaligen Staatssekretär und mehrfachen Verwaltungsrat hinlänglich bekannt. Im Neuland Zivilgesellschaft fand er sich jedoch schnell zurecht. Das Gespräch mit ihm führte Geschäftsleiter Lukas Niederberger.

Jean-Daniel Gerber, du gibst am 3. Dezember das Zepter des SGG-Präsidiums nach neun Jahren weiter. Welches war deine spontane Reaktion, als die frühere SGG-Präsidentin Annemarie Huber-Hotz Dich vor 10 Jahren anfragte, ihr Nachfolger zu werden? Wie hattest du die SGG zuvor wahrgenommen?

Ich war völlig überrascht. Die SGG war mir nur vom Hörensagen bekannt.

Im Juni 2011 hast du dein Amt als SGG-Präsident angetreten. Keine zwei Monate später hast du auf der Rütliwiese zum ersten Mal die Bundesfeier geleitet. Welches war dein Eindruck an dieser Feier?

Zunächst die Befürchtung möglicher weiterer Ausschreitungen wie zu Beginn des Jahrhunderts. Die neu eingeführten Sicherheitsmassnahmen wirkten jedoch. Dann die Schönheit, Feierlichkeit und Ruhe ausstrahlende Rütliwiese. Die Besinnlichkeit des Rütli gilt es zu erhalten. Schliesslich, dass viele Anwesende den Text der Nationalhymne kaum sangen, sondern bloss die Melodie vor sich her summten.

Dass die Nationalhymne auf dem Rütli mit wenig Euphorie gesungen wurde, hast du dem schwer verständlichen Text aus dem Jahr 1840 zugeschrieben. Darum hast du kurz darauf den SGG-Gremien vorgeschlagen, einen nationalen Künstlerwettbewerb durchzuführen, um einen neuen Hymnentext zu finden. Der neue Text sollte auf unseren zentralen Werten basieren, wie sie in der Präambel der Bundesverfassung formuliert sind. Wie beurteilst du dieses Projekt heute?

Die Grundidee, die zentralen Werte in die Nationalhymne zu integrieren, finde ich heute noch genauso nötig wie damals. Diese Werte werden von praktisch allen Bewohnerinnen und Bewohnern in unserem Land sowie den Schweizerinnen und Schweizern weltweit geteilt. Aus den 208 Wettbewerbsbeiträgen wurde der starke und eingängige Text von Werner Widmer gekürt. Dieser Text wird seit 2015 an immer mehr Bundesfeiern in den Gemeinden gesungen, leider noch nicht an internationalen Fussballspielen. Es wird zwar noch eine Zeit dauern, bis der neue Text dem Parlament als offizieller Hymnentext unterbreitet werden wird. Diese Zeit ist jedoch wertvoll, denn sie ermöglicht wertvolle Diskussionen über die Werte unserer Gesellschaft. Vor allem die Zeilen «Lasst und nach Gerechtigkeit streben, frei, wer seine Freiheit nützt, stark ein Volk, das Schwache stützt» lösen bei mir Freude und Stolz aus, Teil eines Landes zu sein, das solche Werte pflegt und verteidigt.

Vor neun Jahren hast du die Frage gestellt, ob die SGG die richtigen Ziele verfolgt und die richtigen Prioritäten setzt. Wie lautet deine Antwort heute?

Der Vorstand der SGG hat diese Frage beantwortet, indem er die Aktivitäten der SGG unter die zwei Schwerpunkte – Förderung der Freiwilligenarbeit und Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts – stellte. Diese Strategie wird konsequent weiterverfolgt. Die Aktivitäten der SGG dienen bei aller Vielfalt und Verschiedenheit diesen zwei Schwerpunkten.

Du bist bilingue aufgewachsen und präsidierst die SGG, die sich als nationaler Verein versteht, aber von Zürchern in Zürich gegründet wurde, in Zürich den Geschäftssitz hat und bisher stets Präsidentinnen und Präsidenten aus der deutschsprachigen Schweiz hatte. Wie hat dein sprachkultureller Hintergrund in den letzten Jahren die SGG geprägt?

Die Zürcher waren mehr als 150 Jahre bestimmend für die SGG. Das hat sich mit der Luzerner SGG-Präsidentin Judith Stamm im Jahr 1998 geändert, auch wenn sie in Zürich aufgewachsen ist. Meine engen Beziehungen als Bilingue zur Suisse Romande erklären, dass ich versucht habe, die SGG auch dort zu positionieren: Zwei GVs wurden im Welschland durchgeführt (in Genf und Yverdon), im SGG-Vorstand wirken neu zwei Vertreterinnen aus der Romandie, die SGG erhält inzwischen sogar mehr Gesuche für Einzelfallhilfe aus der Romandie als aus der deutschsprachigen Schweiz. Ich hoffe sehr, dass das neue Präsidium die Aktivitäten in der lateinischen Schweiz weiterhin vorantreiben wird.

Du hast jahrzehntelang für den Bund gearbeitet: im SECO, bei der Weltbank und im Bundesamt für Flüchtlinge. Und du hast in mehreren Verwaltungsräten börsenkotierter Unternehmen gewirkt. Beim Staat und in der Wirtschaft wird oft top-down kommandiert, kontrolliert und korrigiert. Wie war es für dich, als du in der SGG eine NGO präsidiertest, wo man bottom-up in Prozessschritten gemeinsam und demokratisch lange diskutiert, sondiert und evaluiert?

In der heutigen Welt entspricht die militärische Terminologie Kommandieren, Kontrollieren, Korrigieren nicht mehr den Tatsachen, sei es beim Bund oder in der Wirtschaft. Besser spricht man von gemeinsamem Erarbeiten von Lösungen, Evaluieren und Justieren der getroffenen Entscheide. Ehrlich gesagt, da besteht kein grosser Unterschied mehr zu den NGO. Führungsprinzipien sind überall die gleichen. Wie man diese jedoch kommuniziert, ist sehr verschieden. Ein Offizier spricht zu seinen Soldaten anders als ich zu den Mitarbeitenden in der SGG, doch beide sprechen von Zielen, Motivation, Best practices etc.

Ende 2011 betrug das Vermögen der SGG rund 77 Millionen Franken. Heute beträgt es über 90 Millionen. Wie hast du das gemacht? Hat dir das finanzielle Wissen aus deinen Verwaltungsratsmandaten in der Wirtschaft geholfen?

Dieses positive Resultat freut mich natürlich. Der Erfolg ist zu einem grossen Teil das Resultat glücklicher Umstände. Sowohl die Liegenschaften als auch die Aktien, die der SGG vor Jahrzehnten von Gönnern geschenkt wurden, haben in den letzten Jahren stark an Wert zugelegt. Weil die SGG für eigene Projekte, für Armutsbetroffene sowie für Projekte anderer Organisationen jährlich über 3 Millionen Franken ausgibt, ist das heutige Finanzpolster zwar komfortabel, aber die SGG wird ihre Aufgaben auch in Zukunft nur finanzieren können, wenn sie ihr Vermögen gut verwaltet und nicht in eine zwar populäre, aber kapitalverzehrende Ausgabekultur verfällt. Da die SGG im Gegensatz zu den Hilfswerken keine Bettelbriefe verschickt, ist sie weiterhin auf regelmässige Kapitalerträge, Legate, Erbschaften und Spenden angewiesen.

Du bist noch sehr fit. Was machst Du nun mit den etwa 10 Stellenprozenten oder rund 4 Stunden pro Woche, die Du nun nicht mehr für die SGG einsetzen wirst?

Keine Sorge, sie sind schon ausgebucht. Betreuung der vier Enkelkinder, Verbesserung der Beziehungen zu Europa als Co-Präsident der Plattform-Schweiz-Europa und schliesslich dem Gedankengut der Nachhaltigkeit als Präsident von «Swiss Sustainable Finance» zum Durchbruch verhelfen.

Jean-Daniel, du hast in den letzten Jahren mehrmals betont, dass der französische Ausdruck «utilité publique» dem Wesen der SGG mehr entspreche als der deutsche Ausdruck «Gemeinnützigkeit». Und du hast gerade in letzter Zeit vermehrt betont, dass die SGG die «cohésion sociale», den gesellschaftlichen Zusammenhalt, noch stärker fördern soll. Welchem gesellschaftlichen Nutzen sollte die SGG besonders dienen? Und für welche Herausforderungen sollte die SGG künftig zusammen mit anderen Akteuren aus Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft Lösungen erarbeiten?

„Gemeinnützigkeit“ wird im Deutschsprachigen Raum mit „Freiwilligkeit“ oder „ehrenamtliche Tätigkeit“ gleichgesetzt. Der französische Ausdruck „utilité publique“ deckt ein breiteres Spektrum ab. Sie umfasst auch den Einsatz zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in all seinen Aspekten, etwa die Förderung der in der Präambel der Bundesverfassung festgelegten Werte Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit sowie die Sozialpolitik. Die SGG hat nicht zuletzt als Hüterin der Wiege der Eidgenossenschaft – dem Rütli – eine einmalige Gelegenheit, das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Landesteile und Sprachregionen zu fördern. Im Vordergrund stehen kantons- und regionsübergreifende Bestrebungen, wie z.B. die Bekämpfung der ungerechten und diskriminierenden Einbürgerungspraxis, die sich von Kanton zu Kanton, ja von Gemeinde zu Gemeinde unterscheidet. Darum begrüsse ich es sehr, dass die SGG eine Reihe von Fachgesprächen mit wichtigen Akteuren in Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft durchführt, um erfolgversprechende Aktionsfelder zu definieren.

Lieber Jean-Daniel, im Namen aller Menschen, die mit der SGG zu tun haben, spreche ich dir für Dein 9-jähriges Engagement in der SGG einen ganz grossen und herzlichen Dank aus. Du warst und bist ein umsichtiger, fairer, geradliniger, bescheidener, respektvoller und liebenswürdiger Präsident und Chef. Dir und deiner Familie wünschen wir von der SGG alles Gute. Wir hoffen, dass wir dich auch künftig regelmässig an der GV und an der Bundesfeier wiedersehen werden.