30. August 2022

Anders als Opa und Mama altwerden

Ein Gastbeitrag von Elisabeth Michel-Alder

In zwei Jahren Arbeit hat die Forscher:innen besonders eines überrascht: Die Beobachtung, dass Gesundheit keineswegs Bedingung für substanziellen Arbeitseinsatz ist. Viele in Rahmen von «neues Alter» untersuchten Lebenswege sind von schwerer Krankheit und bedrohlichen Krisen gezeichnet. Über Infarkte, Tumoren und nicht heilbare chronische Leiden wird in den langen Interviews berichtet. Doch die Auskunftgebenden haben konkrete Gründe und wichtige Ziele, die den Stellenwert der gesundheitlichen Einschränkungen klar relativieren. Vielleicht dadurch die Heilung fördern, sicher aber die Lebensqualität positiv beeinflussen. Die Trödelhändlerin zum Beispiel will nach der Operation möglichst bald ihren Laden wieder öffnen.

Nochmal wählen in der «Lebensmitte»

Umdenken fördernd ist gewiss die Erkenntnis, wie leidvolle private Krisen und Jobverlust in der biografischen «Mitte» zu erstaunlichen Neuanfängen mit glücklichen Entwicklungen führen können (aber nicht müssen). Frauen wünschen sich oft, wenn das familiäre Nest geleert ist, im Erwerbsleben nochmals richtig durchzustarten. Angestellte verlassen die grossen Unternehmen und finden in der Selbständigkeit mehr Gestaltungsfreiheit. Auch der umgekehrte Weg ist gar nicht selten: Kleinunternehmer:innen, Landwirte oder Handwerkerinnen, begeben sich unter das grosse Dach einer florierenden Firma oder der staatlichen Verwaltung.

Projekt- und Milizarbeit als Weiterbildung

Nicht völlig überraschend, doch sehr eindrücklich ist die Bedeutung des a-didaktischen Lernens für das Kompetenzprofil der aktiven ü70. Was ist gemeint? Es geht um Erfahrungen sammeln und Lernen in Projekten, ausserhäuslichen Engagements, Freiwilligenarbeit, und Verpflichtungen in Vereinen, Verbänden und Parteien und dies in jedem Lebensalter. Wer bei den Pfadi war, als Fünftklässlerin einen Mickey-Mouse-Club gründete und managte, Theater organisierte und die Kirchgemeinde präsidierte, kann ohne entsprechende Fachausbildung ein grosses Kurhaus leiten. Es bestätigt sich auch in dieser Untersuchung, dass vor allem Vielbeschäftigte und Personen mit beträchtlicher beruflicher Verantwortung stark in Freiwilligenarbeit involviert sind – und gerade nicht die Menschen mit viel Freizeit und Langeweile.

Angestellte sind benachteiligt und Wirtschaft schöpft Potenzial nicht aus

Wichtig und unzeitgemäss ist, dass nur wenige Frauen und Männer ü70 im Kreis der 50 Untersuchten in einem Anstellungsverhältnis weiterarbeiten. Die Unternehmen haben das Potential der jungen Alten noch kaum entdeckt, wenn sie über Fachkräftemangel klagen. Selbständigerwerbende und Künstlerinnen können die Pensionierungsschwelle ignorieren; Arbeitsverträge erlöschen fast immer mit dem Datum des 64./65. Geburtstages. Wer Trams pilotiert oder bei der Krankenkasse Kostengutschriften prüft, hat keine Chance, sich mit seinem Profil hinterher als Selbständigerwerbende/r zu etablieren. Ganz generell ist festzustellen, dass Arbeitgebende über keine Entwicklungskonzepte für die zweite Hälfte des Berufsweges verfügen; sie improvisieren.

Das Forschungsprojekt als Lernatelier für Fortgeschrittene

Forschend neues Wissen schaffen, ehrenamtlich, in reiferen Jahren, dabei Neues lernen, gemeinsam mit Gleichgesinnten? Genau dies passiert im Projekt «neues Alter», das in der Auswertungsphase steckt. In den vergangenen zwei Jahren hat sich eine Gruppe von zwei Dutzend Bürgerwissenschafter:innen mit den Lebenswegen von über 70-Jährigen auseinandergesetzt, die sich wenig um Ruhestand kümmern. Im Gegensatz zu «normalen» Wissenschaftern sind Citizen Scientists nicht an einer Hochschule angestellt, sie schaffen Wissen ehrenamtlich. Doch das Projekt ist ans Kompetenzzentrum Citizen Science von ETH und Universität Zürich angekoppelt. Viele der Beteiligten sind selbst älter als 65 und packten die Gelegenheit, quasi ihre eigene Generation zu besichtigen und Zeitgeschichte in biografischen Erzählungen ausserhalb ihres eigenen Milieus zu erfassen. Eine glänzende Chance, um über die eigene Entwicklung nachzudenken und sich für künftige Kapitel der persönlichen Geschichte inspirieren zu lassen!

25 Frauen und 25 Männer aus Dörfern und Städten der Deutschschweiz mit unterschiedlichsten Berufen, Bildungsrucksäcken und Bankkonten gaben umfassend Auskunft. Sie sind alle über 70 und arbeiten, gestalten, lösen anspruchsvolle Probleme oder kreieren regelmässig schöne Dinge. Es geht um Erwerbsarbeit oder verantwortungsvolle, verbindliche Ehrenämter. Wie kamen sie dazu? Was hat sie dazu geführt, Tätigsein attraktiver zu finden als Ruhestand? Viele haben sich ausdrücklich für die Chance bedankt, gemeinsam mit Aussenstehenden über das eigene Leben und die Zeitgeschichte, die den Rahmen gab, nachzudenken.

Schritt für Schritt werden jetzt die Ergebnisse auf der Website www.neuesalter.ch veröffentlicht. Zum Beispiel über den Umgang mit Krankheit. Oder Krisen und Brüche und erst spät gelebte Homosexualität.