Neuer Nationalhymne-Text: Viele Gründe für die Hymne der Werte

Im Herbst 2015 wurde aus 208 Wettbewerbsbeiträgen einen neuen Text für die Schweizer Nationalhymne gekürt. Wo immer der neue Text gesungen wird, stösst er auf einen Mix aus Nachdenklichkeit, Interesse und Begeisterung.

Im Jahr 2014 initiierte die SGG einen Künstlerwettbewerb zur Schaffung eines neuen Textes für die Schweizer Nationalhymne. Die Mehrheit der professionellen Jury-Mitglieder und der 50’000 Online-Stimmenden kürten unter den 208 Wettbewerbsbeiträgen die Liedstrophe «Weisses Kreuz auf rotem Grund» des Gesundheitsökonomen Werner Widmer. Weil der vorgeschlagene neue Hymnentext und das Projekt der SGG immer mal wieder Fragen auslösen, seien hier die 25 Gründe für das Tun der SGG in Erinnerung gerufen:[nbsp]

  1. Der jetztige Hymnentext „Trittst im Morgenrot daher“ wurde 1840 von Leonhard Widmer verfasst. 1961 wurde der Text vom Bundesrat provisorisch und 1981 definitiv zur Nationalhymne bestimmt. Der 180-jährige „Schweizerpsalm“ ist sprachlich schwierig. Nur 10% der Schweizerinnen und Schweizer können die erste der vier Strophen auswendig singen.
  2. Die Betonung der Wörter im Schweizerpsalm ist befremdend. Die Melodie betont fälschlicherweise Morgenrot statt Morgenrot, Alpenfirn statt Alpenfirn, Vaterland statt Vaterland, Abendglühn statt Abendglühn, Menschenfreundlicher statt Menschenfreundlicher, Nebelflor statt Nebelflor sowie Gewitternacht statt Gewitternacht. In den anderen Sprachen sind leider auch zahlreiche Wortbetonungen falsch.
  3. Im Schweizerpsalm wird nur das männliche Geschlecht angesprochen: „Betet, freie Schweizer, betet“. Das ist im 21. Jahrhundert nicht mehr akzeptabel.
  4. Die Sprachbilder des Schweizerpsalms sind im 19. Jahrhundert beheimatet. Im Gegensatz zu Gedichten und Volksliedern sollten Bilder und Ausdrücke einer Nationalhymne dem zeitgenössischen Sprachgefühl entsprechen.
  5. Der im Schweizerpsalm besungene Herrgott ist Ausdruck eines patriarchalen, national gefärbten und pantheistischen Gottesbildes. Dieses widerspricht sowohl einer seriösen Theologie als auch dem Empfinden vieler Glaubenden.
  6. Der gegenwärtige Hymnentext unterscheidet sich in den vier Amtssprachen inhaltlich stark. Man kann nicht von eigentlichen Übersetzungen sprechen. Im italienischen Text weht ein liberalerer Geist als im deutschen Urtext. Wo Deutschsprachige die fromme und betende Seele besingen, singt man südlich der Alpen «libertà, concordia, amor» (Freiheit, Zusammenhalt, Liebe). Und statt «Gott im hehren Vaterland[nbsp]» wird auf Italienisch der «sol di verità» (die Sonne der Gerechtigkeit) besungen.[nbsp]
  1. Die französische Version des Schweizerpsalms beinhaltet Passagen wie: «[nbsp]Sur l’autel de la patrie, mets tes biens, ton coeur, ta vie![nbsp]» (Leg Dein Hab und Gut, dein Herz und dein Leben auf den Altar des Vaterlands!). Der martialische, besonders fromme und rückwärtsgewandte französische Text ist ein wesentlicher Grund dafür, dass das Interesse in der Romandie für eine Textänderung der Hymne besonders stark ist.
  2. Die Nationalhymne wäre eine Chance, die zentralen Werte eines Landes und einer Gesellschaft in einen Liedtext zu integrieren. Dies dient einerseits den Bewohnerinnen und Bewohnern des Landes zur Verinnerlichung dieser Werte. Andererseits erhält die Nationalhymne die Funktion einer Visitenkarte nach aussen.
  3. Seit 1999 besitzt die Schweiz mit der Verfassungspräambel ein hervorragendes Leitbild, das sich als Textgrundlage für eine Nationalhymne bestens eignet.
  4. An internationalen Sportanlässen sowie an Bundesfeiern wird in der Regel nur eine einzige Hymnenstrophe gespielt und gesungen. Der vorgeschlagene neue Hymnentext von Werner Widmer besitzt eine einzige Strophe zur Melodie der bisherigen Hymne:

„Weisses Kreuz auf rotem Grund, unser Zeichen für den Bund: Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden. Offen für die Welt, in der wir leben, lasst uns nach Gerechtigkeit streben! Frei, wer seine Freiheit nützt, stark ein Volk, das Schwache stützt. Weisses Kreuz auf rotem Grund, unser Zeichen für den Schweizer Bund.“

  1. Manche kritisieren, dass die SGG und nicht das Parlament oder der Bundesrat die Schaffung eines neuen Nationalhymnen-Textes vorschlagen. Es ist eine urschweizerische Tradition, dass Initiativen und Veränderungen in der Bevölkerung geboren werden. Ohne die Initiativen der Zivilgesellschaft gäbe es weder ein Frauenstimmrecht noch eine AHV.
  2. Bereits die heutige Nationalhymne wurde in der Bevölkerung während vielen Jahrzehnten parallel zur damaligen Hymne «Heil dir Helvetia» gesungen. Der Bundesrat hat damals wie heute dieses Vorgehen ausdrücklich gutgeheissen.
  3. Bevor dereinst das Parlament und das Stimmvolk über eine Textänderung in der Nationalhymne entscheiden werden, ist es wichtig, dass der neue Text landesweit bekannt ist. Alle modernen Wissenschaften betonen, dass Entscheidungen dann gut und stimmig sind, wenn die verschiedenen Optionen zuvor genügend bekannt sind.
  4. Der Schweizer Bundesrat hat in seinen Antworten auf parlamentarische Motionen und Interpellationen, die seit 2013 eingereicht wurden, das Hymnen-Projekt der SGG mehrmals unmissverständlich in Schutz genommen.
  5. Die SGG hat seit 2016 jeweils die Gemeinden und Schulen, Kultur- und Sportverbände eingeladen, an den Bundesfeiern vom 1. August neben dem Schweizerpsalm zur gleichen Melodie auch den vorgeschlagenen neuen Hymnentext zu singen – nicht an Stelle des Schweizerpsalms, sondern in Ergänzung. Durch den direkten Vergleich der beiden Texte können wertvolle Gespräche entstehen.
  6. Es gibt in der Schweiz kein Gesetz, das den Gemeinden vorschreibt, was sie am 1. August zu singen oder nicht zu singen haben. Der Bundesrat erklärte am 1. April 1981 den «Schweizerpsalm» lediglich für die Armee sowie für den Einflussbereich der diplomatischen Vertretungen im Ausland für verpflichtend.
  7. Der SGG geht es nicht nur darum, dass der Text der Schweizer Nationalhymne unter allen Umständen ändert. Das Hymnenprojekt hat den positiven Nebeneffekt, dass es immer wieder Wertedebatten auslöst. In diesen Debatten treffen meistens verschiedene Wertehierarchien und unterschiedliche Narrative der Schweiz aufeinander. Solche Debatten sind wertvoll und notwendig.
  8. Die Schweiz ist als Staat religiös neutral. Die Nationalhymne mit explizitem Gottesbezug vereinnahmt rund 25% der Bürgerinnen und Bürger, die sich nicht auf Gott berufen beziehungsweise schliesst diese aus der singenden Gemeinschaft aus.
  9. Christliche Werte und Symbole sind im neuen Hymnentext implizit durchaus präsent. Das Kreuz als christlich geprägtes Symbol wird zweimal besungen. Die Werte, die in der Verfassungs-Präambel und im neuen Hymnen-Text stehen, sind ebenfalls stark vom Christentum geprägt, können aber auch von Menschen, die sich nicht als religiös bezeichnen, gelebt und besungen werden.
  10. Das Unterstützungs-Komitee für den neuen Hymnentext zählt über 200 Schweizer Persönlichkeiten sowie weitere Personen, die sich auf der Webseite nationalhymne.ch zum neuen Text bekennen.
  11. In zahlreichen anderen Ländern (z.B. Frankreich, Italien, England, Kanada, USA) gibt es ebenfalls zivilgesellschaftliche Bestrebungen für neue Hymnentexte. Deutschland hat die ersten zwei Hymnenstrophen nach dem 2. Weltkrieg gestrichen, Österreich hat seinen Hymnentext vor wenigen Jahren angepasst, weil er nicht gendergerecht war.
  12. Obwohl etwa 300’000 Personen in der Schweiz sowie 200’000 Schweizer Bürger im Ausland Englisch als Muttersprache sprechen, existiert vom Schweizerpsalm keine qualitativ akzeptable englische Version. Der neue Hymnentext soll darum neben den vier Amtssprachen auch auf Englisch übersetzt werden, später auch auf Spanisch, Portugiesisch, Albanisch und in weitere Sprachen.
  13. Der neue Hymnentext bieten Anlass, ein Lehrmittel über Nationalhymnen zu entwickeln. Hymnen sind für den Schulunterricht ein interessantes Thema, weil sie die Fächer Geschichte, Ethik, Politik, Recht, Sprache und Musik betreffen und sich bestens eignen für interdisziplinäre Projekte.
  14. Der vorgeschlagene neue Hymnentext «Weisses Kreuz auf rotem Grund» soll auch andere zivilgesellschaftliche Organisationen und einzelne Bürgerinnen und Bürger ermutigen, sich am kreativen Prozess für einen neuen Hymnentext zu beteiligen. Eines Tages wird auch der neue Hymnentext manchen nicht mehr neu und aktuell erscheinen und den Wunsch nach einem stimmigeren Text wecken.
  15. Die SGG war sich von Anfang an bewusst, dass das Hymnen-Projekt nicht einfach und schnell realisierbar sein würde. Bewusstseinsprozesse dauern eher Jahrzehnte als Jahre und benötigen darum einen langen Atem. Diesen hat die 210-jährige SGG.