Trend in Freiwilligenarbeit: Job-Sharing im Club-Vorstand

Eine Studie des Soziologen Markus Lamprecht liefert neueste Ergebnisse über[nbsp]Entwicklungen der Sportvereine in der Schweiz. Der Sportbereich bleibt weiterhin eine[nbsp]Männerdomäne. Neu ist hingegen der Trend von Ehrenamtlichen zum Jobsharing. In[nbsp]jedem fünften Verein gibt es ein Co-Präsidium. Auch freiwillige Schiedsrichter,[nbsp]Kampfrichter, Jugendleiter, Jugendtrainer und Erwachsenensportleiter teilen sich[nbsp]immer öfter ihre Ämter.

Die SGG unterstützt regelmässig Forschungsprojekte im[nbsp]Bereich Freiwilligenarbeit. So auch die Studie des Soziologe[nbsp]Markus Lamprecht über die Entwicklungen, Herausforderungen[nbsp]und Perspektiven der Sportvereine in der Schweiz.[nbsp]Schweizweit wird am meisten formelle Freiwilligenarbeit in[nbsp]Sportvereinen geleistet.[nbsp]Über 30% der Bewohner und Bewohnerinnen über 15 Jahren,[nbsp]also rund 2,8 Millionen Personen, gehören einem Sportverein[nbsp]an. Rund 2 Millionen sind Aktivmitglieder, weitere 800 000[nbsp]Passivmitglieder. 12% der erwachsenen Bevölkerung wirken in[nbsp]Sportvereinen als Freiwillige und 5% sind in einem gewählten[nbsp]Ehrenamt tätig. Zum Vergleich: 13% sind Mitglied in einem[nbsp]kulturellen Verein, 6% wirken in solchen als Freiwillige und 2%[nbsp]bekleiden ein Ehrenamt. Dank der Vereinsbefragung in den[nbsp]Jahren 1996, 2004 und 2010 konnte Lamprecht in der jüngsten[nbsp]Untersuchung längerfristige Tendenzen in der Freiwilligenarbeit[nbsp]aufzeigen. Bis 1996 hat die Gründung von Sportvereinen[nbsp]zugenommen und erreichte ein Maximum bei 27‘000 Sportvereinen.[nbsp]Seither sinkt die Zahl sukzessiv um etwa 300 Vereine[nbsp]pro Jahr und stagniert derzeit bei 19‘500 Vereinen. 68% aller[nbsp]Vereine haben weniger als 100 Mitglieder. Gleichzeitig gehören[nbsp]42% der aktiven Sportler Vereinen mit über 300 Mitgliedern an.[nbsp]96% der Ämter in Sportvereinen werden unentgeltlich ausgeübt.[nbsp]

Die rund 335‘000 Freiwilligen wirken im Durschnitt 11[nbsp]Stunden pro Monat in ihren Sportvereinen, was fast 23 000[nbsp]bezahlten Vollzeitstellen entsprechen würde.[nbsp]Neun von zehn Freiwilligen sind mit ihren Tätigkeiten im Sportverein[nbsp]zufrieden oder gar sehr zufrieden. Ein Drittel der Aktivmitglieder,[nbsp]die noch kein gewähltes Ehrenamt ausüben, wäre zu[nbsp]einem solchen bereit. Allerdings wurde die Hälfte von ihnen[nbsp]noch nie angefragt, ein Amt im Verein zu bekleiden. Die Motivation der Freiwilligen in Sportvereinen entspricht durchaus jener[nbsp]in anderen Bereichen der Freiwilligenarbeit: Freude und Spass[nbsp]stehen zuoberst auf der Liste. Viele Ehrenamtliche möchten[nbsp]mit dem Engagement zudem etwas bewegen, mit anderen[nbsp]Leuten zusammenarbeiten und anderen Menschen helfen. Ausschlaggebend für ein unentgeltliches Engagement ist auch die[nbsp]Erweiterung von Kenntnissen und Erfahrungen, die Pflege des[nbsp]persönlichen Netzwerks sowie die persönliche Weiterentwicklung.[nbsp]Diese Resultate decken sich weitgehend mit den Ergebnissen[nbsp]des Freiwilligen-Monitors 2016. Deckungsgleich mit[nbsp]dem Monitor ist auch die Tatsache, dass finanzielle Entschädigungen[nbsp]für ehrenamtliche Arbeit in Sportvereinen praktisch nie[nbsp]als Beweggrund genannt wurden.[nbsp]Die Studie macht zudem deutlich, dass der Sportbereich auch[nbsp]im 21. Jahrhundert eine Männerdomäne geblieben ist. Männer[nbsp]sind nicht nur zahlreicher vertreten in Sportvereinen, sondern[nbsp]bekleiden darin auch die Ämter, die sie im Arbeitsmarkt und in[nbsp]der Öffentlichen Verwaltung innehaben: Der Frauenanteil ist bei[nbsp]den Aktuarinnen und Protokollführerinnen der Sportvereine mit[nbsp]knapp 50 Prozent am höchsten, bei den Präsidentinnen mit[nbsp]lediglich 18 Prozent am tiefsten.

Interessant, weil wissenschaftlich bisher wenig untersucht, ist[nbsp]der in der Studie festgestellte Trend von Ehrenamtlichen zum[nbsp]Jobsharing. Die Zahl der Ehrenamtlichen ist deutlich gewachsen,[nbsp]während der monatliche Arbeitsaufwand pro Person nicht[nbsp]signifikant gesunken ist. Zählten die Vereine im Jahr 2010[nbsp]durchschnittlich 14,3 Ehrenamtliche, so sind es heute 17,8[nbsp]Personen, die ein gewähltes Amt in einem Sportverein bekleiden.[nbsp]In jedem fünften Verein gibt es bereits ein Co-Präsidium.[nbsp]Auch Schiedsrichter, Kampfrichter, Jugendleiter, Jugendtrainer[nbsp]und Erwachsenensportleiter teilen sich immer öfter ihre Aufgaben[nbsp]mit anderen Freiwilligen. Das Arbeitspensum der Teilzeit-Ehrenamtlichen ist allerdings nicht deutlich gesunken, innert[nbsp]sechs Jahren lediglich von 11,6 auf 10,9 Stunden pro[nbsp]Monat. Bei den Jugendleitern und vor allem bei den Erwachsenenleitern[nbsp]ist der Zeitbedarf sogar um eine bzw. vier Stunden[nbsp]pro Monat gestiegen. Offenbar teilt man heute beim Jobsharing[nbsp]die Trainings nicht auf, sondern verkleinert die Trainingsgruppen[nbsp]oder leitet das Training zu zweit.

Das in der Studie festgestellte Phänomen des Jobsharings in[nbsp]Vorständen von Sportvereinen lässt die alte Frage aufleben, ob[nbsp]wie weit die Freiwilligenarbeit die Verhältnisse im Ersten[nbsp]Sektor, der Erwerbsarbeit, eher reproduziert oder ob die Freiwilligenarbeit[nbsp]eher eine Kompensation zur Arbeitswelt mit deren[nbsp]Gesetzen, Maximen sowie sozialen und geschlechtsspezifischen[nbsp]Rollen darstellt. Das Faktum, dass freiwillige Teilzeitarbeit[nbsp]in Ehrenämtern zunimmt, die Teilzeitarbeitenden aber de[nbsp]facto nicht viel weniger arbeiten, spricht eher für die Reproduktionsthese.[nbsp]Für diese spricht auch die nach wie vor traditionelle[nbsp]Rollenverteilung in Sportvereinen. Für die Kompensationsthese[nbsp]sprechen dafür die Motive der Freiwilligen: Spass, Freude und[nbsp]Gemeinschaftserfahrung sowie das Desinteresse an Wertschätzung[nbsp]durch finanzielle Entschädigungen. In künftigen[nbsp]Studien könnte man diese Frage noch weiterführen: Wie weit[nbsp]reproduzieren respektive kompensieren die Sportvereine im[nbsp]Bereich der sozialen Schichten, der kulturellen Minderheiten[nbsp]und der Generationen die Situation im Arbeitsmarkt? Wie steht[nbsp]es mit Quoten in Bezug auf Geschlecht, Alter und Nationalität?[nbsp]Existiert bei Ehrenämtern eine Zeitbeschränkung? Und welche[nbsp]demokratischen und partizipativen Möglichkeiten werden in[nbsp]den Sportvereinen praktiziert?

Markus Lamprecht, Rahel Bürgi, Angela Gebert, Hanspeter Stamm:
Sportvereine in der Schweiz:
Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven.
Magglingen, Bundesamt für Sport BASPO, 2017