Freiwillige im Dienst der Integration

Ein Interview mit Dr. Sibylle Studer
Die Zahl der Personen mit Migrationshintergrund wächst auch in der Schweiz. Und das Bewusstsein, dass die sprachliche, soziale und berufliche Integration wichtig ist, steigt in der Politik, in der Wirtschaft und in der breiten Bevölkerung. Klar ist auch, dass staatliche Behörden diese Herkulesaufgabe nicht alleine bewältigen können. Dr. Sibylle Studer ist Mitautorin der Studie «Beitrag der Freiwilligenarbeit in Projekten im Bereich der Integrationsförderung und des interkulturellen Zusammenlebens». Die SGG (Lukas Niederberger) hat sie zum Thema befragt.

Die Zahl der Personen mit Migrationshintergrund wächst auch in der Schweiz. Und das Bewusstsein, dass die sprachliche, soziale und berufliche Integration wichtig ist, steigt in der Politik, in der Wirtschaft und in der breiten Bevölkerung. Klar ist auch, dass staatliche Behörden diese Herkulesaufgabe nicht alleine bewältigen können. Dr. Sibylle Studer ist Mitautorin der Studie «Beitrag der Freiwilligenarbeit in Projekten im Bereich der Integrationsförderung und des interkulturellen Zusammenlebens». Die SGG (Lukas Niederberger) hat sie zum Thema befragt.[nbsp]

Frau Studer, Sie untersuchten im Auftrag des Staatssekretariats für Migration (SEM) den Beitrag der Freiwilligenarbeit zur Integrationsförderung und zum interkulturellen Zusammenleben sowie den Stellenwert der Freiwilligenarbeit im Integrationsbereich. Gleichzeitig prüften Sie auch die Qualitätssicherung in der Freiwilligenarbeit. Zunächst einmal: Warum kommt eine staatliche Behörde auf die Idee, den Social Impact des freiwilligen Engagements der Zivilgesellschaft erfahren zu wollen? Wollte das SEM mögliches Sparpotenzial im Integrationsbereich prüfen? Oder hat das SEM eingesehen, dass der Staat allein unmöglich die nötige Integrationsarbeit leisten kann und nun prüft, ob und wie es im Sinn der Public Private Partnership (PPP) besser mit der Zivilgesellschaft kooperieren kann?

Sibylle Studer: Dieser Auftrag zeigt einerseits das Interesse des SEM an der Freiwilligenarbeit im Integrationsbereich. Andererseits ist die Studie von der Motivation des SEM geleitet, dem freiwilligen Engagement mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Die Studie setzt sich zudem mit der Frage auseinander, in welchen Förderbereichen die meisten Freiwilligen aktiv sind und wie Freiwilligenarbeit und Qualitätsansprüche zusammenspielen. Wir verstehen dies als Ansatz, die Komplementarität zwischen staatlichem Versorgungsauftrag und freiwilligem Engagement zu prüfen. Sowohl bei den befragten Organisationen wie in der Begleitgruppe der Studie sind wir einem wachsenden Bewusstsein begegnet, dass Freiwilligenarbeit zur Erweiterung und Ergänzung von bestehenden Angeboten einzusetzen ist und sich nur bedingt zum Kostensparen eignet.

Ziel Ihrer Studie war es, den Stellenwert der Freiwilligenarbeit im Integrationsbereich sichtbar zu machen und Empfehlungen zur Qualitätssicherung für staatliche und private Förderinstitutionen sowie für Träger von Integrationsvorhaben zu entwickeln. Wie werden private Förderinstitutionen vom Stellenwert der Freiwilligenarbeit erfahren?

Sibylle Studer: Der Bericht ist öffentlich und kann auf der Website des SEM eingesehen werden. Die relevanten Akteure wurden vor kurzem über die Publikation orientiert.

Wieso wurde die Studie auf das freiwillige, also unbezahlte Engagement der Zivilgesellschaft im Integrationsbereich beschränkt? Wissen das SEM und die kantonalen Asyl- und Integrationsämter bereits genug über die bezahlten Engagements der Zivilgesellschaft oder interessiert sie dieses Engagement einfach weniger als das unbezahlte?

Sibylle Studer: Zum allgemeinen Wissensstand und Interesse des SEM müssten Sie wohl das SEM direkt befragen. Ein wichtiger Auslöser für die Studie war jedoch die Frage nach dem Umgang mit Qualitätsansprüchen an die Freiwilligenarbeit im Integrationsbereich. Hier macht es Sinn, zwischen bezahltem und unbezahltem Engagement zu unterscheiden.

Sie haben unter anderem festgestellt, dass Freiwillige im Integrationsbereich Veranstaltungen organisieren und durchführen sowie persönliche Hilfe leisten. Die Freiwilligen sind tendenziell gut gebildet und weiblich. Sie wirken stark in den Bereichen Erstinformation, Integrationsförderbedarf und Arbeitsmarktfähigkeit. Und die Integrationsprojekte verwenden unterschiedliche Instrumente und Prozesse für die Qualitätssicherung. Welche Erkenntnisse waren für Sie als Fachfrau im Bereich Freiwilligenarbeit wirklich neu und überraschend?

Sibylle Studer: Überrascht und erfreut hat mich zu sehen, dass die meisten Projekte geschlechtergemischt aufgestellt sind. Vor dem Hintergrund, dass sich mehr Frauen im Integrationsbereich engagieren als Männer, halte ich für besonders wichtig. Ebenfalls erstaunt hat mich, dass, im Verhältnis zu anderen Förderbereichen, wenige Freiwilligenprojekte im Bereich Schutz vor Diskriminierung aktiv sind. Die Frage ist, ob solche Aktivitäten im Kontext der aktuellen Migrationssituation nun zunehmen.

Welche Erkenntnisse Ihrer Studie könnten der Kooperation von Staat, Markt und Zivilgesellschaft zu Gunsten der Integrationsarbeit besonders dienen?

Sibylle Studer: Freiwillige agieren oft als Bindeglied zwischen Staat, organisierter Zivilgesellschaft und Markt. Sie setzen ihre Beziehungen dafür ein, Neuzugezogenen Zugang zu sozialen und beruflichen Netzwerken zu ermöglichen, beispielsweise in Mentoring-Programmen. Eine besonders wichtige Rolle übernehmen dabei Freiwillige, welche selbst eine Migrations- und Integrationserfahrung aufweisen: Als Schlüsselpersonen bilden sie Brücken zwischen ihren Landsleuten und staatlichen, gemeinnützigen sowie privatwirtschaftlichen Institutionen. Sie begleiten beispielsweise Neuzugezogene an Elternabende, zum Arzt oder vermitteln wichtige Schweizer Gepflogenheiten wie die Pünktlichkeit.

Freiwillige leisten somit einen wichtigen Beitrag zur Verknüpfung von Staat, Markt und formellen Institutionen der Zivilgesellschaft.

Ja, genau, ich finde es aber ebenso wichtig, bei Kooperationen mit Freiwilligen darauf zu achten, dass nicht zu viel erwartet wird. Freiwilligenarbeit lebt davon, dass jede/r das einbringt, was sie/er kann. Freiwillige leisten ungemein viel, aber nicht immer genau das, was sich Organisationen, der Staat oder die breite Öffentlichkeit wünschen. Und das soll aus meiner Sicht auch so bleiben, damit der Kern der Freiwilligenarbeit, die Freiwilligkeit, nicht verdrängt wird. Für die Kooperation mit Freiwilligen bedeutet dies aber auch, dass es einen Diskurs darüber braucht, welche Teile der Integrationsarbeit in der Verantwortung des Staates bleiben beziehungsweise durch die Auslagerung an private Akteure entsprechend finanziert werden sollen. Dies ist besonders dort der Fall, wo spezifisches Fachwissen und über jahrelange Aus- und Weiterbildungen gewonnene Haltungen notwendig sind, zum Beispiel beim interkulturellen Übersetzen oder bei Tätigkeiten der Sozialen Arbeit.

Als Fazit aus der Studie empfehlen Sie den Trägerorganisationen, dass diese ihre Freiwilligen weiterbilden, Standortgespräche institutionalisieren und Abläufe formalisieren sollen. Damit befürworten Sie die Angleichung von Freiwilligenarbeit an die Erwerbsarbeit, die in allen Bereichen der Freiwilligenarbeit festzustellen ist.

Sibylle Studer: Wir halten es für wichtig, dort formalisierte Qualitätssicherung zu betreiben, wo dies notwendig ist für den Schutz der Personen, mit welchen die Freiwilligen interagieren. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Freiwillige mit sogenannt vulnerablen Personengruppen zu tun haben und/oder sich in der Privatsphäre von Leistungsempfänger/innen bewegen. Weiter braucht es Qualitätssicherung, wenn Freiwillige explizites Wissen vermitteln, welche von den Personen mit Migrationshintergrund als Fakten aufgenommen werden. Auch kann ein Freiwilligenprojekt so umfassend werden, dass der persönliche Kontakt zwischen Freiwilligen und Koordinationsverantwortlichen nur noch gewährleistet ist, wenn Abläufe formalisiert werden. Uns war es aber auch ein grosses Anliegen aufzuzeigen, wie Integrationsvorhaben ohne formalisierte Abläufe qualitativ hochstehende Arbeit leisten. Oft geschieht dies gestützt von einer starken informellen Organisationskultur. Uns ist wichtig festzuhalten, dass sich Freiwilligenarbeit in zentralen Aspekten von bezahlter Arbeit unterscheidet. Beispielsweise passen Freiwilligenarbeit und Effizienzsteigerung für mich nicht gut zusammen: Freiwillige engagieren sich häufig so lange für etwas, wie es für sie Sinn und Freude macht, und das ist häufig länger, als es unter Effizienzdruck geschehen würde.

Verschiedene Akteure kritisieren, dass aufgrund der steigenden Professionalisierung in der Freiwilligenarbeit Jobs mit prekären Löhnen gefördert werden, die vor allem die klassischen Teilzeitstellen von Frauen konkurrenzieren. Wie stellen Sie sich zu diesem Dilemma?

Dieses Dilemma wurde in unserer Studie in vereinzelten Kommentaren zur Online-Befragung thematisiert. Wir sind uns bewusst, dass wir hier nur an der Oberfläche kratzen. Es gilt künftig genauer hinzuschauen, inwiefern der unreflektierte Einsatz von Freiwilligen den langen Kampf um Anerkennung der sozialen Berufe untergräbt. Als Forscherin würde mich dazu ein Ländervergleich sehr interessieren. Dieses Dilemma ist jedoch auch ins Verhältnis zu setzen zur Mehrheit der Fälle, in welchen Freiwilligenarbeit bezahlte Arbeit nicht konkurrenziert. Im Bewusstsein um dieses Dilemma haben Organisationen viele Möglichkeiten, die Aufgaben der unbezahlten und der bezahlten Arbeit gezielt voneinander abzugrenzen. Dies ist wieder mit der Frage verknüpft, welche Angebote zur staatlichen Grundversorgung zählen und dementsprechend entschädigt werden sollen. Es gilt somit auch gesellschaftspolitisch zu thematisieren, wie der strukturellen Diskriminierung von gewissen Berufszweigen zu begegnen ist. Hier ist eine breitere Zivilgesellschaft gefordert als nur die Organisationen, welche mit Freiwilligen zusammenarbeiten.

Das Swiss Forum for Migration an der Universität Neuenburg hat 2015 unter der Leitung von Denise Efionayi-Mäder und Gianni D‘Amato die Studie «Zivilgesellschaftliches Engagement im Flüchtlingswesen – Standortbestimmung und Handlungsbedarf» durchgeführt (http://doc.rero.ch/record/258636). Die Studie stellte fest, dass der Kontakt zwischen der Zivilgesellschaft und Personen mit Migrationshintergrund vom Staat zunehmend beschränkt wird. Vor allem in den Asylunterkünften von Bund und Kantonen wird der Zugang der Zivilgesellschaft systematisch erschwert. Sie erwähnen die Existenz der SFM-Studie nicht und untersuchten die Freiwilligenarbeit auch nicht in Bezug auf den Asylstatus der Personen, denen die Dienste zugutekommen. Waren Ihnen diese Tatsachen nicht wichtig?

Sibylle Studer: Das ist eine sehr interessante Studie. Wie Sie bereits feststellten, lag der Fokus unserer Studie und der beigezogenen Literatur nicht auf der Differenzierung nach Asylstatus oder auf dem staatlichen Vollzug der Integrationsarbeit, sondern auf dem Thema Qualitätssicherung in der Integrationsarbeit durch Freiwillige. Es gibt aber Berührungspunkte zwischen den Studien: Beide betonen die Vermittlerrolle und die vielseitigen Kompetenzen von zivilgesellschaftlichen Akteuren und fordern, dass Gemeinden Basisorganisationen bei der Schaffung von Begegnungsräumen stärker unterstützen. Zudem finde ich es sehr spannend, dass die SFM-Studie zusätzlich Themen wie den Umgang mit Medien und den Pluralismus innerhalb des zivilgesellschaftlichen Engagements im Asylwesen aufgreift. Diese Themen tragen entschieden zum Verständnis des zivilgesellschaftlichen Engagements im Asylwesen bei.

Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Dr. Sibylle Studer befasst sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit dem Management und der Koordination von Freiwilligenarbeit und Nonprofit-Organisationen. Sie dozierte im Rahmen des CEPS an der Universität Basel sowie über Policy Evaluation an der ETH Zürich. Sie gehört zum Team das Luzerner Unternehmens INTERFACE Politikstudien Forschung Beratung.