1.-Augustfeier auf dem Rütli: Ein Staatsakt im Zeichen von Corona

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga ehrte am 1. August auf dem Rütli stellvertretend für zahllose Menschen, die sich während der Corona-Zeit solidarisch engagierten, aus jedem Kanton sowie aus der «Fünften Schweiz» je eine Frau und einen Mann.

Wegen Corona-Abstandsregeln wurden am diesjährigen 1. August viele Bundesfeiern zwischen Genf, Chiasso, Poschiavo, Rorschach und Basel sowie in zahlreichen Schweizervereinen, Konsulaten und Botschaften rund um den Erdball abgesagt. Auch auf dem Rütli sagte die SGG die traditionelle Bundesfeier bereits im Mai ab. Das Bedauern war gross, zumal die Feier mit dem Eidgenössischen Schwingerverband organisiert wurde und sich rund 2000 Gäste auf das erste Schwingen auf dem Rütli freuten.

Anstelle der geplanten Feier organisierte die SGG zusammen mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga eine alternative Feier. Die Bundespräsidentin ehrte auf dem Rütli stellvertretend für zahllose Menschen, die sich während der Corona-Zeit solidarisch engagierten, aus jedem Kanton sowie aus der «Fünften Schweiz» je eine Frau und einen Mann.

Niemand will Held*in sein

Die SGG wurde gebeten, die 54 Corona-Heldinnen und Helden zu finden. Diese Aufgabe war nicht ganz einfach. Selbst Pflegefachpersonen in Intensivstationen und Freiwillige, die eine lokale Lebensmittelhilfe aufbauten, wollten sich nicht als Helden sehen. Erstens empfanden sie ihr Engagement als etwas ganz Normales und Selbstverständliches. Und zweitens betonten viele, dass sie während des Lockdowns lediglich Teile von grösseren Teams waren. Einige Personen, die von der Bundespräsidentin für die Ehrung gekürt wurden, sagten auch gänzlich ab, weil sie nicht öffentlich geehrt werden wollten oder weil sie sich über das erste Augustwochenende endlich mal ein paar Tage Erholung gönnen wollten, nachdem sie sich monatelang Tag und Nacht für andere Menschen eingesetzt hatten.

Ausserordentlicher Aufwand

Obwohl die Feier mit 250 Teilnehmenden acht Mal weniger Gäste hatte als in Pandemie-freien Jahren, war die Vorbereitung aufwändiger. Denn parallel mussten wir auch im Fall von Dauerregen einen Plan B vorbereiten und mieteten provisorisch den Bally-Saal im solothurnischen Schönenwerd. Und weil der Staatsakt live gefilmt und auf dem Youtube-Kanal des Bundesrats gestreamt wurde, mussten die Akteure vor ihrem Auftritt sogar in die Maske.

Über 30 Corona-Helden, Angehörige und Gäste reisten bereits am Vorabend aus der Romandie und aus dem Bündnerland an. Das Luzerner Hotel Schweizerhof, das wegen der fehlenden Touristen aus dem Ausland unterbelegt war, lud alle Gäste gratis zum Übernachten und zum Frühstück ein.

Eindrückliche Gestaltung

An der Schifflände von Brunnen stimmte Röbi Imlig die Gäste mit Alphornklängen auf die Feier ein. Auf dem Extra-Schiff war selbstverständlich Maskenpflicht. Auf der Rütliwiese wurden sie Gäste vom Blechbläser-Ensemble Rekrutenspiel 16-2/20 mit „Vo Lozärn gägw Wäggis zue“ und „L’inverno è passato» empfangen. Die Rekrutin und ihre vier Kollegen haben die RS erst kurz zuvor begonnen, spielten aber wie eine Profi-Band. Rütli-Pächter Mike McCardell verwöhnte die Gäste auf Wunsch der Bundespräsidentin mit Spezialitäten aus dem Ticino: Antipasta sowie Risotto mit Luganighe. Punkt 13 Uhr eröffneten die Rekruten die Bundesfeier mit «Réjouissance» aus Händels Feuerwerksmusik. Die Moderatorin Maria Victoria Haas führte meisterhaft in allen vier Amtssprachen durch das 90-minütige Programm. Die Fribourger Opernsängerin Marie-Claude Chappuis sang mit viel Herzblut und begleitet vom Chor «Les voix de la Gruyère» traditionelle Lieder wie «Liauba», «Le vieux chalet» und «Vreneli vo Guggisberg». Die junge Schaffhauser Alphornistin Lisa Stoll und die jungen Fahnenschwinger aus Weggis zeigten sich wie in den Vorjahren als Meister ihres Fachs.

Die Schweiz „verhäbt“

In der Festansprache und nach der Corona-Ehrung betonte Bundespräsidentin Sommaruga, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt während der Corona-Krise innerhalb der Schweiz gut funktioniert habe – die Schweiz „verhäbt“. Auch der internationale Handel habe während des Lockdowns funktioniert. Gleichzeitig mahnte die Magistratin weiterhin zur Vorsicht, um die Verbreitung des Virus in Grenzen zu halten.

Aus jeder der vier Sprachregionen legte eine der 54 Heldinnen und Helden Zeugnis ab über das Leben im Corona-Alltag. Rita Monotti, Chefärztin im Locarneser Carità-Spital, berichtete von der Arbeit auf der Intensivstation, Olivier Schaffter vom Restaurant „La croix blanche“ in Delémont, erzählte von den 300 Pizze, die er jeweils kostenlos für das Spitalpersonal kreierte. Judith Schnider, die Filialleiterin vom Volg in Laax, schilderte auf Romanisch von der erschwerten Versorgung der Bevölkerung während des Lockdowns. Und der Berner Lehrer Christian Stähli und seine Schülerin Tara lobten den Fernunterricht per Video. Die 54 Heldinnen und Helden erhielten von der Bundespräsidentin einen kleinen Apfelbaum zur eigenen Verwendung. Im Herbst werden sie einen grösseren Baum erhalten, den sie in Absprache mit den Kantonen an einem zentralen Ort pflanzen können, um an die Corona-Zeit zu erinnern.

Neuer Hymnentext in allen Landessprachen

Zum Abschluss der Feier sang Marie-Claude Chappuis den von der SGG vorgeschlagenen neuen Text zur Schweizer Nationalhymne, bevor alle Gäste die erste Strophe des Schweizerpsalms in ihrer jeweiligen Muttersprache sangen. Und just im dem Moment, als SGG-Präsident Jean-Daniel Gerber allen Akteuren mit Blumen und Bundesfeierkarten-Sammlungen dankte und das Blechbläser-Ensemble Rekrutenspiel mit dem Song «La Mer» die Feier beendeten, setzte der Regen ein und trieb die Gäste ganz automatisch hinunter zur Schiffstation.

2021 für Frauen, 2022 mit bösen Buben

Es ist sehr zu hoffen, dass in den kommenden Jahren wieder bis zu 2’000 Personen an der Bundesfeier teilnehmen können. Am 1. August 2021 feiern alle Frauenverbände zusammen mit den neun lebenden Bundesrätinnen das 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts in der Schweiz. Um am 1. August 2022 wird die Feier mit dem Schwingerverband nachgeholt.