10. Mai 2016

2. Freiwilligentagung: Das Potenzial der Noch-nicht-Freiwilligen nutzen

Markus Freitag, der an der Uni Bern im Auftrag der SGG den Freiwilligen-Monitor Schweiz 2016 wissenschaftlich geleitet hat, analysierte die Persönlichkeitsmerkmale der typischen Noch-nicht-Freiwilligen. Sie sind unter 40 und über 65 Jahre alt und leben vorwiegend in Städten. Und zwischen dem Wunsch, freiwillig tätig zu sein, und tatsächlich als Freiwillige zu wirken, bestehe eine grosse Kluft.

Cornelia Hürzeler, Leiterin Arbeit und Gesellschaft bei Migros Kulturprozent, präsentierte das Projekt Service-Learning, welches bei Schülerinnen und Schülern das Engagement in der Zivilgesellschaft verbindet mit dem Erwerb von fachlichen, methodischen und sozialen Kompetenzen. Gerade weil Freiwilligenarbeit heute nicht mehr automatisch von einer Generation zur nächsten tradiert wird und das Freiwilligen-Gen auch in der Schweiz nicht mehr selbstverständlich existiert, braucht es Anreize, niederschwellige Einstiegshilfen und Kennenlern-Möglichkeiten für die Freiwilligenarbeit. Die 70 Teilnehmenden entwickelten anschliessend Ideen zur Weckung des Potenzials im Freiwilligenbereich: in Schulen, Unternehmen, bei Bund, Kantonen und Gemeinden sowie in Vereinen und Organisationen. Der Bund könnte etwa den Jugendurlaub noch stärker promoten und ausbauen. Gemeinden und Schulen könnten Ansprechpersonen oder Koordinationsstellen für Freiwilligenarbeit schaffen und einen Anerkennungspreis für Freiwilligenarbeit verleihen. Unternehmen könnten Mitarbeitende, die Freiwilligenarbeit leisten, intern präsentieren. Und die Freiwilligenorganisationen müssten ihren Bedarf aktiver kommunizieren, auch mit Social Media.

Die Arbeit in Kleingruppen brachte zahlreiche Ideen hervor, wie die verschiedenen Akteure der Gesellschaft die Freiwilligenarbeit fördern und Noch-nicht-Freiwillige für einen Einsatz fürs Gemeinwohl motivieren könnten:

Bund, Kanton und Regionen:

  • Wohlfahrtsstaat und Markt haben das Wirken von Freiwilligen eingeschränkt. Günstige Rahmenbedingungen schaffen und Freiraum lassen für den Aufbau und das Funktionieren von Freiwilligenarbeit. Unnötige Regulatorien und Bürokratie vermeiden bzw. vereinfachen
  • Jugendurlaub noch stärker promoten, evtl. ausbauen zu einem nationalen Freiwilligendienst
  • Professionalisierung vermeiden
  • Steuerabzug für effektive Auslagen zu Gunsten der Freiwilligenarbeit
  • Care-Ausbildung während der Rekrutenschule
  • Freiwilligenarbeit fördern, wo sie der Kohäsion dient

Gemeinden:

  • Neuzuzüger-Apéro mit Präsentation von Vereinen und Institutionen, die Freiwillige suchen
  • Bilden von Jahrgänger-Gruppen
  • Fachstelle Generationen als Anlaufstelle bilden
  • Verein für den Migrationsbereich bilden
  • In den Vereinen Schnupperangebote schaffen für Kinder und Jugendliche (z.B. eine Ferienwoche)
  • Anerkennungspreis vergeben an Organisationen
  • Anerkennungskultur schaffen durch die politisch Verantwortlichen
  • Ansprechperson ernennen zur Vernetzung
  • Vereine finanziell unterstützen

Schulen:

  • Schulen und Lehrpersonen als Vorbilder
  • Möglichkeiten aufzeigen
  • Projekte bekannt machen
  • Info-Anlässe organisieren
  • Offenheit von Behörden, Schulkommission, Schulleitung anstreben
  • Schulhauskultur kreieren
  • Begleitung
  • KoordinatorIn / BeuaftragterR / Ansprechperson oder Rat ernennen
  • Best practices bekannt machen

Wirtschaft / Unternehmen:

  • Zeit für Freiwilligenarbeit zur Verfügung stellen
  • Motivation zur Freiwilligenarbeit
  • Vorbildfunktion des Kaders
  • Best practices verbreiten
  • Pensionierungsvereine ansprechen
  • Erfahrungen aus der Romandie sammeln
  • Wertschätzung der Freiwilligenarbeit
  • Arbeitgeber-Check (Label)
  • Sichtbar-machen von vorhandener Freiwilligenarbeit
  • Botschafter bestimmen
  • Mitarbeitende, die Freiwilligenarbeit leisten, intern präsentieren
  • Unterschiedliche Lösungen für KMU und Konzerne erarbeiten
  • Infrastruktur / Ressourcen zur Verfügung stellen

NPO/NGO, die mit Freiwilligen wirken:

  • Vereine nicht künstlich am Leben erhalten
  • Niederschwelliger, attraktiver Zugang
  • Professionelle Strukturen zur Verfügung stellen
  • Social media nutzen
  • Angebote für Freiwilligenarbeit attraktiv(er) machen
  • Mut zur Umstrukturierung
  • Segmentierung
  • Selbstorganisation
  • Beachten der soziologischen Verhältnisse (urban, agglo, ländlich)
  • Aus- und Weiterbildung
  • Motivation (direkte Ansprache)
  • Kommunikation (Vernetzen mit Medien)