5. SGG-Tagung: Freiwilligenarbeit & Gemeinsinn

Informelle Freiwilligenarbeit und soziale Zugehörigkeit
130 Personen nahmen am 13. Juni in St. Gallen an der SGG-Impulsveranstaltung über die Rolle der Freiwilligenarbeit ausserhalb von Vereinen und Organisationen teil. Diese Engagements wurden bisher wissenschaftlich noch wenig erforscht.

Rund 130 Personen nahmen am 13. Juni in St. Gallen an der SGG-Impulsveranstaltung über die Rolle der Freiwilligenarbeit ausserhalb von Vereinen und Organisationen teil. Informelles Engagement ist bisher wissenschaftlich weniger erforscht worden als das Engagement in Organisationen und Vereinen. Seit einigen Jahren wird die nachbarschaftliche Solidarität von Politik und Volkswirtschaft mehr und mehr als Baustein für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, als Wundermittel für die Integration, als Entlastung der Familien in der Angehörigenbetreuung, als Basis einer «caring community» und als Rahmen für lebenslanges Wohnen zuhause wahrgenommen. Die beiden Referentinnen, Prof. Dr. Doris Rosenkranz (Technische Hochschule Nürnberg) und Dr. Sibylle Studer (Interface Politikstudien, Luzern), kamen unabhängig voneinander zum Schluss, dass Nachbarschaften nur subsidiär zu Familie, Freundeskreis und zu staatlichen wie wirtschaftlichen Angeboten unterstützen können. Und dass sie die Förderung durch Gemeinde und Öffentlichkeit benötigen. Gemeinden und Öffentlichkeit können und sollen Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe fördern, indem sie diese Engagements sichtbar machen, darüber informieren, unkomplizierte Rahmenbedingungen und Begegnungsräume schaffen sowie Online-Vernetzung von Bedürftigen und Helfenden ermöglichen.

Doris Rosenkranz referierte über ihre Befragung in Nürnberg bezüglich Nachbarschaftshilfe und überraschte die Teilnehmenden mit zahlreichen Erkenntnissen ihrer Studie:

  • Die Zufriedenheit in der Nachbarschaft ist unabhängig von der Tiefe des Kontakts mit den Nachbarn;
  • Geringer Kontakt zu Nachbarn erfolgt vor allem aus Mangel an Kontaktmöglichkeiten;
  • In Quartieren mit Familien und hoher Wohnbindung ist das formelle und informelle freiwillige Engagement höher als in sozial belasteten Quartieren oder Stadtvierteln mit vielen Single-Haushalten;
  • Menschen sind eher bereit, anderen zu helfen als von anderen Menschen Hilfe anzunehmen und sie in ihre eigenen vier Wände rein zu lassen;
  • Unterstützung im Alltag geben vor allem Freunde ausserhalb und innerhalb der Nachbarschaft;
  • Die meisten lassen sich lieber von Familie und Freunde helfen als von Nachbarn;
  • 33% der Hochaltrigen werden von Nachbarn unterstützt, bei 18-44- Jährigen sind es nur 18%;
  • Je niederschwelliger die Nachbarschaftshilfe ist, umso häufiger kommt sie vor. An der Spitze steht die Annahme von Paketen, am wenigsten kommen das Ausfüllen von Formularen oder Begleitung zu Ärzten und Behörden vor. Wenig erwünscht sind zudem Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe, Haushaltshilfe und Babysitten.
  • Bei der formellen Freiwilligenarbeit in Organisationen ist es sowohl den aktiv engagierten als auch den potenziellen Freiwilligen wichtig, dass die Arbeit interessant, der Ausstieg problemlos, die Tätigkeit nicht zeitaufwändig und der Zeitaufwand klar definiert ist.
  • Bei der informellen Freiwilligenarbeit ausserhalb von Organisationen ist es sowohl den aktiv engagierten als auch den potenziellen Freiwilligen in und ausserhalb der Nachbarschaft wichtig, dass der zeitliche Aufwand überschaubar, das Verhältnis zu den Nachbarn gut und die Verpflichtung zur Hilfe nicht dauerhaft ist.

Sibylle Studer vermittelte anschliessend Zwischenergebnisse ihrer laufenden Studie über den Beitrag infomeller Freiwilligenarbeit zur Integration benachteiligter Bevölkerungsgruppen in der Schweiz. Sie unterstrich die Bedeutung der informellen Freiwilligenarbeit vor allem für die seelisch-emotionale und die subjektiv wahrgenommene Integration, die die Grundlage bildet für Massnahmen der objektiv wahrgenommenen Integration. Gleichzeitig sprach die Referentin von formellen und informellen Hilfeleistungen als zwei Pole eines Kontinuums und stellte die Frage, wie informelle Formen der Freiwilligenarbeit gefördert werden können, ohne sie zu formalisieren. Die Befragungen zahlreicher Fachpersonen und Betroffenen habe folgende Tendenzen aufgezeigt: Je formeller eine Hilfeleistung sei, umso zielgerichteter sei sie und umso mehr würden die beteiligten Personen Schutz vor negativen Auswirkungen erfahren. Und je informeller eine Hilfeleistung sei, umso eher werde sie als authentisch und ganzheitlich wahrgenommen. Sibylle Studer plädierte dafür, gerade bei der Betreuung von wenig integrierten Personen und Gruppen informelle Freiwilligenarbeit und Angehörigenbetreuung nicht gemäss der soziologischen Begrifflichkeit zu trennen. Da gerade bei Gruppen mit Migrationshintergrund der Übergang zwischen inner-familiärem und ausser-familiärem Engagement fliessend sei, sei es oftmals realistischer, von verschiedenen Formen des privaten Engagements für Dritte zu sprechen.