Nicht jedes Engagement ist Freiwilligenarbeit

Der Freiwilligen-Monitor Schweiz 2020 präsentierte im Juni neueste Zahlen zur Freiwilligenarbeit in der Schweiz: 6 von 10 Personen setzen sich regelmässig gemeinnützig für die Gesellschaft ein.

Und 7 von 10 Personen leisten sporadisch zu Nachbarschaftshilfe. SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger interviewt Markus Lamprecht und Adrian Fischer. Der Soziologe Adrian Fischer und die Partner des Forschungsinstituts Lamprecht & Stamm haben den Monitor 2020 wissenschaftlich erarbeitet.

Adrian Fischer, Du hast den vierten Freiwilligen-Monitor wissenschaftlich erarbeitet. Zum ersten Mal ist der Bericht auch auf Französisch erschienen. Und erstmals kann man ihn von Beginn an auf der SGG-Webseite sowie beim Seismo-Verlag gratis herunterladen. Welches waren die Beweggründe?

Es war uns Autoren und den Trägern des Freiwilligen-Monitors ein besonderes Anliegen, dass der Monitor nicht nur für ein akademisches Publikum geschrieben wird, sondern schweizweit für alle interessierten Personen und Organisationen leicht zugänglich und verständlich ist. Die Zahlen und Befunde im Monitor sollen einfach auffindbar und für alle greifbar sein.

In Schlagzeilen liest man seit 20 Jahren, dass die Zahl der Freiwilligen permanent sinke. Im Freiwilligen-Monitor 2020 ist jedoch zu lesen, dass die Menge an Freiwilligenarbeit in der Schweiz in den letzten 20 Jahren praktisch konstant geblieben sei. Wer hat Recht?

Wenn wir das ganze Spektrum der Freiwilligenarbeit in Vereinen und Organisationen anschauen, stellen wir eine erstaunliche Konstanz fest. Dies zeigt sich insbesondere auch in der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des Bundesamts für Statistik, die etwa alle vier Jahre ein Modul zur unbezahlten Freiwilligenarbeit enthält. Je nach Bereich und Organisationstyp, in welchem man sich freiwillig engagiert, sieht die Situation jedoch unterschiedlich aus. Während wir bei Sportvereinen, im öffentlichen Dienst oder in Interesseverbänden einen Rückgang des freiwilligen Engagements beobachten, zeigt sich z.B. im Kulturbereich, bei Hobby- und Freizeitvereinen oder bei sozialen, karitativen Organisationen ein Wachstum.

46 Prozent der über 15-Jährigen in der Schweiz engagieren sich freiwillig ausserhalb von Organisationen und Vereinen, viele davon in der Care-Arbeit. Die differenzierte Befragung hat im Monitor 2020 ergeben, dass jeder vierte von ihnen eigene Angehörige betreut, beispielsweise fragile Eltern oder Enkel. Viele empfinden diese Tätigkeiten subjektiv tatsächlich als Freiwilligenarbeit. Sie bezeichnen im Monitor Angehörigen-Betreuung als informelle Freiwilligenarbeit im weiteren Sinne. Manche Soziologen, für die Freiwilligenarbeit klar ein Engagement für Mensch und Umwelt ausserhalb des privaten Umfelds ist, werden Ihnen vermutlich widersprechen.

Gerade weil es diese Diskussionen in Fachkreisen und ein unterschiedliches Empfinden in der Bevölkerung gibt, haben wir im Freiwilligen-Monitor 2020 zum ersten Mal zwischen «informeller Freiwilligenarbeit im weiteren Sinne» und «informeller Freiwilligenarbeit im eigentlichen Sinne» unterschieden. «Informelle Freiwilligenarbeit im eigentlichen Sinne» schliesst das Enkelhüten und die Betreuung der betagten Eltern aus. Ohne diese Care-Arbeit für Verwandte leistet etwa ein Drittel der Bevölkerung informelle Freiwilligenarbeit.

39 Prozent der über 15-Jährigen in der Schweiz engagieren sich freiwillig in Organisationen und Vereinen. Etwa 17 Prozent erhalten neben Spesen zusätzliche Vergütungen und Entschädigungen wie Sitzungsgelder oder Pauschalspesen. Sie bezeichnen diese gemeinnützig Engagierten im Monitor dennoch als Freiwillige, obwohl Freiwilligenarbeit an sich als unbezahlte Tätigkeit definiert wird. Wie reagieren Sie auf diesen Einwand?

Auch hier sind die Übergänge fliessend und das Empfinden unterschiedlich. Sowohl im Freiwilligen-Monitor wie in der SAKE wird Freiwilligenarbeit erfasst, wenn sie unbezahlt ist oder gegen eine «geringe Aufwandentschädigung» geleistet wird. Eine Mittelschülerin und eine Führungsperson im oberen Kader dürften unterschiedliche Vorstellungen darüber haben, was eine «geringe Aufwandentschädigung» ist. Empfunden wird die Arbeit in beiden Fällen als ein freiwilliges Engagement zugunsten anderer Personen. Die finanzielle Entschädigung wird gerademal von zwei Prozent der Freiwilligen in Vereinen oder Organisationen überhaupt als ein Motiv für das Engagement angegeben.

In vielen Medien ist derzeit zu lesen, dass während des Corona-Lockdowns die Freiwilligenarbeit aufgeblüht sei. Ich wage dies zu bezweifeln. Denn erstens engagieren sich rund die Hälfte der 60- bis 74-Jährigen sowie rund 40% der über 74-Jährigen als Freiwillige. Sie mussten während des Lockdowns ihr Engagement einstellen. Und zweitens würde ich behaupten, dass es sich bei den Einkäufen für Risikogruppen während der Corona-Krise nicht um Freiwilligenarbeit handelte, sondern um nachbarschaftliche Hilfeleistungen, wie sie erfolgen, wenn man für Nachbarn gelegentlich den Briefkasten leert, den Vogel füttert oder den Schnee wegschaufelt. Wofür halten Sie die vielen Corona-Einsätze?

Die Pandemie und die beschlossenen Massnahmen hatten gleichzeitig einen Ausschluss- und einen Solidarisierungseffekt. Das solidarische Engagement dürfte verschiedentlich auch über die Nachbarschaftshilfe hinaus gegangen sein. Es profitierten auch Menschen, die man zuvor nicht persönlich kannte. Wir vermuten, dass ein solches Engagement vielfach von Personen geleistet wurde, die sich auch bis dahin schon freiwillig engagierten. Für diesen Herbst ist eine Befragung geplant, in der wir diese Fragen genauer untersuchen können.

Im Monitor 2020 haben Sie die Nicht-Freiwilligen befragt, unter welchen Bedingungen sie sich freiwillig engagieren würden. Die meisten von ihnen erwähnten, dass die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freiwilligenarbeit gegeben sein müsste. Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Unternehmen für flexiblere Arbeitszeitmodelle?

Gewissermassen ja. Die verfügbare Zeit hat einen Einfluss auf die Freiwilligenarbeit. Vollzeiterwerbstätige engagieren sich seltener freiwillig als Teilzeiterwerbstätige, Hausfrauen/-männer oder Pensionierte, und «genügend Zeit» wird am häufigsten als Voraussetzung für ein (erneutes) Engagements in Vereinen oder Organisationen genannt.

Andere Nicht-Freiwillige betonten, dass sie sich engagieren würden, wenn die Einsätze flexibel organisiert würden. Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl an die gemeinnützigen Organisationen, die sich noch wenig auf die mobilen und flexiblen „digitale natives“ eingestellt haben?

Das Feld der Interessentinnen und Interessenten ist breit und entsprechend breit sollten die Möglichkeiten und Formen des freiwilligen Engagements sein. Dies gilt auch für die Wege und Kanäle, wie Freiwillige gewonnen werden können.

Eine Zahl erschreckte mich im Monitor 2020. Die Hälfte der Personen über 60 Jahren, die heute keine Freiwilligenarbeit leisten, gaben an, dass sie dies auch in Zukunft nicht tun werden. Als Gründe nannten sie die fehlende Zeit, das Bedürfnis nach Flexibilität oder die Unvereinbarkeit mit familiären Verpflichtungen. Muss man sich nicht Sorgen machen, wenn in Zukunft immer weniger ältere Generation zur Freiwilligenarbeit bereit sind? Und wie könnte man die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit bei den 60+ fördern?

Da mache ich mir nicht ganz so viele Sorgen. Es ist wichtig zu sehen, dass die Lebenslagen, die Ressourcen und Bedürfnisse im Alter sehr verschieden sind. Wir werden das freiwillige Engagement der 55- bis 74-Jährigen und die Potenziale in der zweiten Lebenshälfte in einer Vertiefungsstudie des Freiwilligen-Monitors im Auftrag der Beisheim Stiftung genauer untersuchen. Schon jetzt lässt sich sagen, dass das Engagement von älteren Personen bereits heute überdurchschnittlich hoch ist.

Der Freiwilligen-Monitor sowie Factsheets über das freiwillige Engagement in den verschiedenen Bereichen können auf der SGG-Webseite gratis heruntergeladen werden: www.freiwilligenmonitor.ch