Das Mentorat brachte mir pure Freude

Interview mit Michèle Uffer, freiwillige Mentorin bei Job Caddie
Beim SGG-Programm Job Caddie engagieren sich über hundert Freiwillige als Mentorinnen und Mentoren für Jugendliche, die ihre Berufslehre abbrechen oder beim Übergang von der Berufslehre zur ersten Festanstellung besondere Mühe haben. Wir haben die Mediatorin Michèle Uffer über ihre Erfahrungen befragt.

Interview mit Michèle Uffer, freiwillige Mentorin bei Job Caddie
Beim SGG-Programm Job Caddie engagieren sich über hundert Freiwillige als Mentorinnen und Mentoren für Jugendliche, die ihre Berufslehre abbrechen oder beim Übergang von der Berufslehre zur ersten Festanstellung besondere Mühe haben. Wir haben die Mediatorin Michèle Uffer über ihre Erfahrungen befragt.

Wie sieht dein beruflicher Werdegang aus?

Als eidgenössisch diplomierte Wirtschaftsinformatikerin habe ich lange Zeit Grossprojekte in Firmen geleitet. Durch die Projektarbeit, wo es immer „gemenschelt“ hat, stiess ich per Zufall auf die Mediation. Ich absolvierte die Ausbildung zur Mediatorin und machte später den Master in „human systems engineering“. Nach dem Master-Abschluss wechselte ich in den Jugendbereich, seit 2014 bin ich Mit-Leiterin des Berufslaufs (grundbildung@berufslauf.ch).

Weshalb wirkst du freiwillig als Mentorin bei Job Caddie?

Ich suchte damals einen Ausgleich zu den Jugendlichen, die in der Regel erfolgreich unterwegs waren. Ich entschied mich bewusst, freiwillig junge Erwachsene mit Schwierigkeiten zu begleiten. Das Mentoring ist eine gute Methode: Eine Mentorin oder ein Mentor bei Job Caddie hat einen ganz anderen Ansatz als eine Fachperson aus dem Jugendbereich: Sie oder er ist ein normaler Berufsmensch, nicht unbedingt mit einem psychologisch geschulten Hintergrund.

Wie viele Mentees hast du bereits begleitet? Welches Mentorat hat dich speziell gefreut?

Ich hatte bisher zirka 10-15 Mentorate. Ich bin die meiste Zeit im Einsatz, manchmal dauern die Mentorate kürzer, manchmal länger. Die Geschichte von G. hat mich am besten beeindruckt, weil sie aufzeigt, wie eine Begleitung plötzlich anders aussehen kann: G. besuchte eine Integrationsklasse, weil er noch nicht lange in der Schweiz war und suchte ein Praktikum im IT-Bereich. Der für ihn zuständige Mentor gelangte an mich, ob die Firma, in welcher ich damals tätig war, ihm einen Praktikumsplatz anbieten könnte. Nach langer Überzeugungsarbeit mit meinem Chef durfte er dann dort ein Praktikum absolvieren. Er arbeitet heute immer noch dort: als Festangestellter in der Buchhaltung. Dank dieser Chance konnte er richtig Gas geben. Mit seinem Mentor steht er heute noch in Kontakt. Zwischenzeitlich spricht er perfekt Schweizerdeutsch.

Welches Mentorat hat dich am meisten beeindruckt und herausgefordert?

Einmal hatte ich ein richtiges Aha-Erlebnis. Ich traf mich einmal wöchentlich mit meinem Mentee, der immer schön brav an die Treffen kam. Ich konnte machen, was ich wollte, er kam nicht aus seiner Komfort-Zone heraus, er kam nie in die Handlung rein. Er erledigte die zusammen festgelegten Aufgaben einfach nicht. Ich besprach diesen Fall dann in der Gruppensupervision. Die Supervisorin meinte, er müsse ja gar nicht raus bei mir, ihm sei es offenbar angenehm, es gebe für ihn wohl keine Beweggründe, etwas an der Situation zu ändern. Das nächste Mal, als er kam, war ich streng und er kam nie wieder. Ich habe daraus folgende Lehre gezogen: Manchmal muss man erkennen, dass jemand vielleicht gar noch nicht parat ist, dass man Dinge von ihm oder ihr verlangt, die für ihn oder sie gar noch nicht möglich sind. Das Gehenlassen, das habe ich gelernt und zudem, dass es o.k. ist so. Wir hätten jahrelang so weitermachen können, ohne dass sich die Situation geändert hätte. Dieses Erkennen war das Beeindruckende, aber natürlich ist es am schönsten, wenn mir ein oder eine Mentee eine SMS schreibt, dass er oder sie eine (neue) Lehrstelle hat und/oder dass es dank unserer Intervention zu keiner Lehrvertragsauflösung gekommen ist. Einmal unterstützte ich eine Mentee (Pflegeassistenz). Ich lernte mit ihr Berufskunde, weil sie schlecht an der Berufsschule war und sonst die Lehrestelle verloren hätte. Für eine Prüfung musste sie verschiedene Putzmittel kennen: Die junge Erwachsene war ganz in ihrem Element, wir haben zusammen auf diese Putzmittelprüfung gelernt – das fand ich erhellend. Ich selber war ja nur immer eine halbe Seite weiter als sie, weil ich sie abfragte. Ich lernte einerseits viel über Putzmittel und andererseits wurde sie besser in Berufskunde. Sie hätte die Lehrstelle sonst verloren.

Was nimmst du als persönlichen Gewinn aus jenem Mentorat mit?

Pure Freude. Es war der Plausch, sie kam immer wieder, brachte ihre Sachen mit und ging mit grossen Schritten weiter. Sie brauchte mich auch nicht lange, nur eine kurze Zeit, dann war sie wieder „eingespurt“.

Michèle Uffer engagiert sich seit 2013 freiwillig als Mentorin bei Job Caddie

Das Interview führte Claudia Manser, Programmleiterin bei Job Caddie:[nbsp]www.jobcaddie.ch