17. November 2025
«Freiwilligenarbeit kennt keine Altersgrenze»
Herr Stokholm, die SGG hat gemeinsam mit über 30 Organisationen vorgeschlagen, einen «Freiwilligenurlaub» einzuführen: eine unbezahlte zusätzliche Ferienwoche für Menschen, die sich freiwillig engagieren. Warum?
In der Schweiz gibt es heute bereits den sogenannten Jugendurlaub: Junge Menschen bis 30 Jahre können einmal im Jahr eine unbezahlte Woche beziehen, um sich etwa in einem Pfadilager zu engagieren. Dieses Instrument soll nun auf zwei Wochen für alle ausgebaut werden, und das ist ein wichtiger Schritt. Denn Freiwilligenarbeit kennt keine Altersgrenze. Darum sollte die Möglichkeit bestehen, sich in jeder Lebensphase Zeit dafür zu nehmen. Der unbezahlte Freiwilligenurlaub ist ein ausgewogener, pragmatischer Vorschlag. Er signalisiert Wertschätzung, ohne grosse Kosten zu verursachen.
Was würde ein solcher Freiwilligenurlaub bewirken?
Es wäre ein klares Zeichen der Anerkennung, weil es zeigt: Diese Arbeit ist wichtig, und wir wollen sie möglich machen. Für viele, die sich heute schon engagieren, wäre das eine kleine Entlastung – und die Möglichkeit, sich noch etwas mehr Freiraum zu schaffen. Und für jene, die bisher zögern, kann es einen Anstoss geben, sich zu fragen: Wäre das vielleicht etwas für mich? Freiwilligenarbeit hat ja immer zwei Seiten. Sie nützt anderen, und sie verändert auch einen selbst. Wer sich engagiert, erweitert den eigenen Horizont, lernt, Verantwortung zu übernehmen, erlebt Gemeinschaft auf eine andere Weise.
Viele Menschen möchten sich engagieren, finden aber kaum Zeit dafür. Wo sehen Sie die grössten Hürden?
Der Druck auf die arbeitstätige Bevölkerung ist gross. Beruf, Familie, Verpflichtungen: Das alles beansprucht uns stärker als früher. Unser neuer Freiwilligen-Monitor belegt, dass immer noch sehr viel Freiwilligenarbeit geleistet wird, sie verteilt sich allerdings auf immer weniger Schultern. Da sollten wir Gegensteuer geben. Damit das gelingt, braucht es Rahmenbedingungen. Zum Beispiel eine Kultur, die solches Engagement unterstützt, auch in Unternehmen. Und eine Gesellschaft, die Freiwilligenarbeit nicht als selbstverständlich hinnimmt, sondern als das sieht, was sie ist: ein unbezahlbarer Beitrag zum Zusammenhalt.
Im Moment wird über die Service-Citoyen-Initiative diskutiert, die einen obligatorischen Bürgerdienst für alle vorsieht. Wäre das eine Konkurrenz oder eher eine Ergänzung zur Freiwilligenarbeit?
Weder noch. Es ist ein eigenständiger Vorschlag, der eine eigene Würdigung verdient. Und es ist spannend, dass wir dank der Initiative über verschiedene Formen des gesellschaftlichen Engagements diskutieren. Bei der SGG konzentrieren wir uns auf die Stärkung der Freiwilligenarbeit. Freiwilligkeit entsteht aus innerer Motivation. Gerade diese Freiheit macht sie so wertvoll. Wenn jemand seine Freizeit einsetzt, um sich für andere oder für die Gemeinschaft zu engagieren, dann ist das ein Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein und von Vertrauen in die Gesellschaft.
Freiwilliges Engagement gilt als tragende Säule des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Was wünschen Sie sich persönlich für seine Zukunft?
Ich wünsche mir, dass Freiwilligenarbeit über alle Generationen hinweg lebendig bleibt. Und ich hoffe, dass noch mehr Menschen für sich entdecken, wie erfüllend das sein kann: etwas tun, das nicht bezahlt wird, aber Sinn stiftet. Viele erleben ihr Engagement ja auch als Ausgleich zu einem anspruchsvollen Alltag. Freiwilligkeit gibt uns die Möglichkeit, andere Perspektiven kennenzulernen, neue Fähigkeiten zu entwickeln und für Themen einzustehen, die uns am Herzen liegen. Wenn wir diese Kultur pflegen, bleibt unsere Gesellschaft stark und menschlich.
Zahlen und Fakten zur Freiwilligenarbeit
Der Freiwilligen-Monitor erhebt und präsentiert Zahlen und Fakten zur Entwicklung der Freiwilligenarbeit in der Schweiz. Er erschien erstmals 2007 und wird alle vier bis fünf Jahre von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft herausgegeben. Die aktuelle Ausgabe ist im August 2025 erschienen.
Mit-Träger des Freiwilligen-Monitors 2025 sind das Migros-Kulturprozent sowie die Beisheim Stiftung. Unterstützt wird die Studie ausserdem vom Bundesamt für Statistik sowie rund dreissig Partnerorganisationen. Die Studie wurde von Lamprecht & Stamm Sozialforschung und Beratung erarbeitet.
Bei der repräsentativen Erhebung wurden rund 5000 Personen zu ihrem freiwilligen Engagement, zu ihren Motiven, Zielen und Wünschen sowie zu möglichen Hinderungsgründen befragt. Mit den Daten der Erhebung wurden als Ergänzung für die Praxis ausserdem 21 Faktenblätter produziert, welche die Auswertung in einzelnen Freiwilligenbereichen vertiefen.
Der Freiwilligen-Monitor 2025 ist auf Deutsch und Französisch in jeder Buchhandlung oder beim Seismo Verlag erhältlich (CHF 28.00). Als PDF stehen die Publikation sowie die 21 vertiefenden Faktenblätter kostenlos zum Download zur Verfügung unter https://www.freiwilligenmonitor.ch.