7. Januar 2026
Mentorinnen und Mentoren im Gespräch: «Wenn ein Mentee wieder festen Boden unter den Füssen hat, weiss ich, dass ich erfolgreich war»
Als Jugendliche wusste Albi Billaud vor allem eines: was sie nicht wollte. Schule, Regeln, Autoritäten – all das lehnte sie ab. Sie schwänzte, rebellierte, liess sich von niemandem etwas sagen. Mit 15 wurde sie aus der Schule genommen und für drei Monate in ein Time-out geschickt, wo sie auf der Baustelle arbeitete. Während ihre Mitschüler:innen Bewerbungen schrieben, hatte sie keinen Plan vom Berufsleben, keinen Bock und niemanden, der sie in dieser Zeit an die Hand nahm.
Als sie sich für eine Lehrstelle als Schreinerin bewarb, erntete sie Absage um Absage. Zu klein, zu schwach, hiess es. Eine Ausbildung zur Buchbinderin brach sie später ab, ein Aufenthalt als Au-pair endete früh. Sie war oft auf sich allein gestellt, verunsichert und überfordert. Erst als sie die Zusage für eine Lehrstelle in einer Kita bekam, fand sie einen Ort, an dem sie ernst genommen wurde und Verantwortung übernehmen konnte. Neun Jahre blieb sie dort, inzwischen arbeitet sie als Erzieherin in einem Hort.
Heute, viele Jahre später, nutzt sie genau diese Erfahrungen in ihrer Arbeit als Mentorin beim SGG-Programm Job Caddie. «Ich möchte die Person sein, die mir in meiner Jugend gefehlt hat», sagt sie. Seit drei Jahren unterstützt sie Jugendliche, die ihre Lehrstelle verloren haben, bei allem, was rund um die Bewerbung anfällt: «Ich lese Motivationsschreiben gegen, übe Bewerbungsgespräche, achte auf Fristen – und manchmal bin ich einfach da und höre zu, wenn es Probleme rund um den Beruf gibt.» Viele ihrer Mentees brauchen vor allem jemanden, der an sie glaubt.
Serie: Mentorinnen und Mentoren im Gespräch
Dieser Text ist der zweite Teil einer kleinen Serie, in der wir einige der 100 freiwilligen Mentorinnen und Mentoren vorstellen, die sich beim SGG-Programm Job Caddie mit viel Zeit, Herz und Erfahrung für junge Menschen einsetzen. Sie begleiten, hinterfragen, hören zu – und machen oft den entscheidenden Unterschied. Mehr erfahren oder selbst mitwirken? Hier geht es zur Website von Job Caddie.
Zwischen Halt geben und loslassen
Albi findet schnell einen guten Draht zu den Mentees. Doch das bedeutet auch: Grenzen setzen. «Vor allem am Anfang habe ich dazu geneigt, zu viel abzunehmen», erzählt sie und lacht. Einmal rief sie ein Mentee alle fünf Minuten an. «Da musste ich dann schon sagen: Stopp. Ich bin da, aber du musst deinen Weg selbst gehen.»
Diese Balance gehört zu den grössten Herausforderungen ihrer Arbeit: Halt geben, aber nicht bevormunden. Unterstützen, aber wachsen lassen. «Wenn ein Mentee wieder festen Boden unter den Füssen hat, weiss ich, dass ich erfolgreich war.»
Im Gegenzug erwartet Albi, dass die Jugendlichen mitziehen. «Sie müssen schon wollen, sonst geht es nicht», sagt sie offen. In den allermeisten Fällen funktioniere das jedoch gut.
An einen Fall denkt sie besonders gern zurück: eine über 50-jährige Frau, die ihre Lehrabschlussprüfung in einer Kita nicht bestanden hatte. «Sie war völlig verunsichert und sehr schüchtern», erinnert sich Albi. Im Lauf des Mentorats taute sie aber auf und wurde immer selbstsicherer. Am Ende bestand sie die Prüfung mit einem hervorragenden Ergebnis. Für Albi war das ein eindrücklicher Moment. «Manchmal braucht es nur jemanden, der einem zeigt: Du kannst das.»
Mentoring bedeutet für Albi weit mehr, als Bewerbungen zu korrigieren oder Gespräche zu üben: Es heisst, Menschen beim Berufseinstieg zu begleiten, bis sie wieder an sich glauben können.
Vielleicht gelingt ihr das so gut, weil sie selbst weiss, wie es ist, keinen Halt zu haben.
In aller Kürze: Drei Fragen an Albi Billaud
Wie warst du mit 16?
«Neugierig und wild, oft unsicher in Entscheidungen. Aber auch offen für fast alles, das mir half, meinen eigenen Weg zu finden.»
So bin ich als Mentorin:
«Ich begleite Jugendliche und junge Erwachsene ruhig, ehrlich und auf Augenhöhe, unterstütze sie praktisch und motiviere sie, an sich zu glauben und dranzubleiben.»
Das bedeutet Job Caddie für mich:
«Job Caddie bedeutet für mich, jungen Menschen Orientierung zu geben und ihnen zu zeigen, dass sie im Bewerbungsprozess nicht allein sind. Zugleich ist es für mich eine sinnvolle Aufgabe, mit der ich ein wichtiges und kostenloses Angebot mittragen kann.»