30. Juli 2025
Heimat neu erzählen: Wie wir über die Schweiz sprechen – und was das zeigt
Narrative sind geteilte Erzählungen, die prägen, wie ein Land über sich selbst spricht. Sie schaffen Orientierung, stiften Identität und beeinflussen politisches Handeln, oft stärker als Zahlen oder Argumente. In der Schweiz stützen sich viele dieser Narrative auf geschichtliche Motive: das Rütli, Wilhelm Tell oder die Idee der Neutralität. Doch auch Narrative entwickeln sich weiter. Die neue Studie «Heimat neu erzählen – Narrative der Schweiz im Wandel» fragt, wie sich solche Erzählungen mit Blick auf die Zukunft ausgestalten lassen – und welche davon in der Bevölkerung Anklang finden.
Im Zentrum der Untersuchung stehen fünf Narrative:
- die kompromiss- und reformfähige Schweiz
- die internationale und neutrale Schweiz
- die naturnahe Schweiz
- die solidarische Schweiz
- das Wirtschaftsmodell Schweiz
Diese Erzählungen wurden aus politischen Reden, gesellschaftlichen Debatten und früheren Studien abgeleitet und in einer repräsentativen Umfrage auf ihre Resonanz hin getestet. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick ermutigend: Alle fünf Narrative stossen auf breite Zustimmung, unabhängig von Alter, Bildung, Geschlecht oder Sprachregion.
Doch in der Interpretation dieser Erzählungen zeigen sich deutliche Unterschiede:
- SVP-Wählende etwa bevorzugen die Unabhängigkeit der Schweiz gegenüber internationaler Zusammenarbeit – eine Haltung, die sie mit Nichtwählenden teilen.
- Die GLP-Wählerschaft setzt klar auf Klimaschutz, während FDP- und SVP-Wählende den Schutz des Landschaftsbilds priorisieren.
- Die Anhängerschaft von SP und Grünen befürworten staatliche Unterstützung, jene von FDP und SVP hingegen setzen auf Eigenverantwortung.
- In der Frage, ob Minderheits- oder Mehrheitsinteressen stärker gewichtet werden sollen, stellen sich FDP- und SVP-Wählende klar auf die Seite der Mehrheitsinteressen.
Die Studie zeigt: Nationale Narrative sind anschlussfähig, aber nicht neutral. Sie bieten Potenzial für gesellschaftlichen Zusammenhalt, bergen aber auch das Risiko, Konfliktlinien zu vertiefen. Für politische Akteure können solche Narrative deshalb ein nützliches Werkzeug sein – zur Verständigung, aber auch zur Profilierung. Und für die Forschung eröffnen sie neue Perspektiven, um den Wandel im politischen Selbstbild der Schweiz zu beobachten.
Die Studie wurde im Rahmen eines Capstone-Projekts am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich durchgeführt und durch Prof. Dr. Karsten Donnay betreut. Auftraggeberin ist Pro Futuris, der Think + Do Tank der SGG.
Mehr Informationen finden Sie auf der Studienwebsite.