Die Kunst des Bettelns und Spendens

projekte

Die SGG unterstützt Institutionen und Projekte, die innovativ sind, eine gesamtschweizerische Ausrichtung und Relevanz haben sowie einen hohen Anteil an Freiwilligenarbeit aufweisen. Trotz der klaren Kriterien landen zahllose Gesuche im Postfach der SGG, die wir nicht unterstützen können.

Den Gönnerinnen verpflichtet
Im Berichtsjahr 2014 landeten über 200 Spendenanfragen im SGG-Postfach. Bei der Hälfte handelte es sich um unpersönliche Bettelbriefe. Solche Briefe mit teils herzzerreissenden Geschichten wecken bei manchen Privatpersonen Interesse und Mitleid. Aber die SGG, die ihren Gönnerinnen und Gönnern verpflichtet ist, kann nur auf Unterstützungsgesuche eingehen, die über die nötige Qualität, Seriosität und Transparenz verfügen. Dazu zählen eine klare Projektbeschreibung, Informationen über die Trägerschaft, der jüngste Jahresbericht samt revidierter Jahresrechnung sowie ein Finanzplan mit dem Budget des Projekts und der Liste von Institutionen, die ebenfalls Gesuche erhalten oder bereits Beiträge zugesichert haben. Die SGG verlangt auch Zwischen- und Schlussberichte der Projekte.

Tipps an Laien-Fundraiser
Zwar muss die SGG 60 bis 70 Prozent der Projektgesuche ablehnen. Aber die Absagen enthalten in der Regel hilfreiche Tipps für die weitere Spendensuche. Wenn ein lokaler Verein oder eine regionale Stiftung für den Bau oder die Sanierung einer Kindertagesstätte oder eines Pfadiheims sammelt, sind Gesuche an grosse nationale Förderinstitutionen sinnlos. Die kantonalen Stiftungsregister, die teilweise online einzusehen sind, listen alle Förderorganisationen mit ihrem Stiftungszweck auf. Und wenn jemand für einen ganz speziellen Zweck oder eine eng umgrenzte Interessengruppe sammelt, hilft das Stichwortverzeichnis des Eidgenössischen Stiftungsregisters und des Handelsregisters weiter. Neu vermittelt auch www.stiftungschweiz.ch entsprechende Informationen. Gerade bei Projekten im Jugendbereich ist Crowdfunding, wo online kleine bis grosse Beträge gesammelt werden können, auf Webseiten wie www.100-days.net, www.projektstarter.ch oder www.cashare.ch inzwischen die effi zienteste Fundraising-Methode.

Vernetzt unterstützen
Die Schweiz verfügt leider über keine umfassende Datenbank, auf der Gesuchstellende und Förderorganisationen offen über ihre Tätigkeiten und Geldquellen informieren. Auf einer nationalen Plattform des Gemeinnützigkeitssektors könnten sich Gesuchsteller und Förderer auf effektive Art fi nden und sich viel unnötige Arbeit ersparen. Um das Geld, das zahlreiche Spenderinnen, Gönner und Legatäre der SGG anvertraut haben, in Zukunft noch effektiver einsetzen zu können, hat sich die SGG entschieden, assoziierter Partner von SwissFoundations zu werden. Auf diese Weise kann der SGG-Geschäftsleiter in verschiedenen Arbeitskreisen des Stiftungs-Netzwerks mitwirken, sich bei manchen Projektgesuchen mit passenden Stiftungen vernetzen und so effektiver helfen. Als Mitglied von Swiss-Foundations trägt die SGG zudem dazu bei, dass das Stiftungswesen und der Spendenmarkt in der Schweiz transparenter werden.

Beispiele von unterstützen Projekten:

 

Die SGG unterstützte das Projekt «Schulen nach Bern» mit 70 000 Franken. Schulklassen aus allen Landesteilen bereiten sich intensiv vor, während einer Projektwoche im Nationalratssaal Themen zu behandeln, die Jung und Alt bewegen. Die Jugendlichen nahmen auch zwei Ideen der SGG auf.

bundeshausbernFünf bis sechs Schulklassen aus verschiedenen Kantonen und Sprachregionen nehmen jeweils an einer der fünf Projektwochen teil. In einer Vorbereitungsphase erarbeiten die Schulklassen die Grundlagen des politischen Systems der Schweiz und bereiten sich auf das Planspiel in der Bundesstadt vor. Jede Klasse reicht eine Volksinitiative mit mindestens 100 Unterschriften ein und bildet anschliessend eine politische Partei (ohne Bezug zu real existierenden Parteien). In Bern werden die Initiativen in den Fraktionen und Kommissionen behandelt und zum Schluss in der Nationalratsdebatte diskutiert und verabschiedet. SGG-Themen im Nationalratssaal Für die Projektwoche vom 28. April bis 2. Mai 2014 hat die SGG zwei Ideen eingebracht, die auf grosses Interesse stiessen. Eine Schulklasse aus Hüttwilen (TG) hat für die Volksinitiative «Zivildienst für alle» 1146 Unterschriften gesammelt. Und die Schulklasse aus Oberuzwil (SG) hat die Volksinitiative «Schweizer Nationalhymne» lanciert und dafür 478 Unterschriften erhalten. In den Kommissionssitzungen wurde intensiv debattiert. Die beiden Initiativen wurden allerdings zur Ablehnung empfohlen. An ihrer Stelle wurden eigene Gegenentwürfe mit folgendem Wortlaut erarbeitet:

Zivildienst für alle
Jede Schweizerin, jeder Schweizer ist verpflichtet, einen zivilen oder militärischen Dienst zu leisten.

Schweizer Nationalhymne
Die Schweizer Nationalhymne muss die vier Landessprachen enthalten, ebenso die Grundwerte und Ziele der schweizerischen Eidgenossenschaft. Der Gesetzgeber definiert Text und Melodie. Die Kantone sollen unterstützt werden, dass die Nationalhymne in ihren Schulen gelernt wird.

Ruf nach politischer Bildung
Die jüngsten nationalen Abstimmungen haben den Ruf nach politischer Bildung und Staatskunde an den Schulen verstärkt. Auch nehmen die Warnrufe zu, dass das Schweizer Milizsystem auf Gemeindeebene in Gefahr sei, weil sich nicht genügend qualifizierte Kandidaten für die verschiedenen Ämter und Gremien fänden. Aus diesen Gründen sind Projekte wie «Schulen nach Bern» sowie die lokalen Kinderund Jugendparlamente ein wesentlicher Beitrag für die Zukunft des politischen Systems in der Schweiz.

Die unzähligen Toten und Flüchtlinge in und um Syrien sowie das Schiffsunglück vor Lampedusa im Herbst 2013, bei dem Hunderte von Flüchtlingen ertranken, lösten in der Schweiz grosse Betroffenheit aus. Daraus entstand die Idee, Flüchtlinge künftig vermehrt im privaten Rahmen unterzubringen und zu begleiten. Die SGG unterstützte das Pilotprojekt mit 50 000 Franken.

fluechtlinge«Wir haben in den letzten Monaten viele Angebote zur privaten Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen erhalten», sagt Beat Meiner, Generalsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH). Diese Dynamik nutzt die SFH, um eine altbewährte Form der Flüchtlingshilfe neu zu beleben. «Die direkte Begegnung und Hilfe von Mensch zu Mensch ist die älteste und natürlichste Form von Flüchtlingshilfe. » Die Gesellschaft ergreife damit die Gelegenheit, solidarisch zu handeln und die humanitäre Tradition der Schweiz zu leben.

Pilotprojekt im Kanton Waadt
Nach Sondierungsgesprächen in diversen Kantonen gelang im Sommer 2014 der Durchbruch für das Pilotprojekt: Seit Ende September 2014 werden in Zusammenarbeit mit dem Kanton Waadt und dem Etablissement Vaudois d’Accueil des Migrants (EVAM) erste private Platzierungen vorgenommen. Die dabei gewonnenen Erfahrungen stellt die SFH weiteren interessierten Kantonen in Form eines Berichts zur Verfügung. Die SFH rechnet mit einem grossen Potenzial in der ganzen Schweiz. Die private Unterbringung ist als Starthilfe gedacht. Ziel ist immer, dass die Flüchtlinge sich ein selbständiges, unabhängiges Leben aufbauen.

Professionelle Begleitung
Vermittelt werden Personen, die erst seit kurzer Zeit in der Schweiz sind und die sicher einen Schutzstatus erhalten werden. Die Platzierungen werden von der SFH sorgfältig evaluiert und von einem SFH-Coach begleitet. Unterstützt werden sie von interkulturellen Vermittlern, welche die Sprache und die sozialen und politischen Verhältnisse in den Herkunftsländern der Flüchtlinge und in der Schweiz gut kennen.

Vorteile für beide Seiten
Das Projekt biete allen Beteiligten grosse Chancen, ist Beat Meiner überzeugt. «Die frühe Begegnung mit anteilnehmenden Einheimischen gibt den Flüchtlingen das Gefühl, willkommen zu sein. Sie können schneller und aktiver an unserem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilnehmen. Und die Gastgeber ihrerseits machen neue und interessante Erfahrungen.»

Bis im Jahr 2050 verdoppelt sich der Anteil der Menschen über 80 Jahren. Gleichzeitig sinkt der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter. Eine neues Zeitvorsorgemodell zeigt auf, wie sich Unterstützungsleistungen für eine gute Lebensqualität organisieren lassen. Die SGG unterstützt das Projekt KISS mit zweimal 50 000 Franken (für 2014 und 2015).

kissDas Durchschnittsalter der Menschen in den Industrieländern und der Anteil der Menschen im Pensionsalter sind deutlich gestiegen, während der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter stetig sinkt. Markant erhöhen wird sich die Zahl der Menschen im sogenannten dritten Lebensalter, zwischen 60 und 80. Sie sind zu einem grossen Teil noch bei guter Gesundheit und aktiv. Viele der Menschen über 80 (vierte Lebensphase) können mit einer adäquaten Unterstützung und Begleitung in der eigenen Wohnung selbständig oder teilselbständig leben. Das ist von den Betreffenden sehr erwünscht, verlängert die eigenständige Lebensphase und ist finanziell günstiger. Neue Wege zur Sicherung des zunehmenden Bedarfs an Betreuung und Begleitung sind deshalb nötig und im Interesse aller. Geben und Nehmen von Mensch zu Mensch Zeitvorsorge bedeutet bei KISS, dass jemand heute eine Leistung erbringen kann und dafür die benötigte Zeit gutgeschrieben erhält. Diese Zeit kann zu einem späteren Zeitpunkt geltend gemacht werden. KISS geht vom Grundsatz aus, dass die jüngeren Generationen bereit sind, die älteren bei Bedarf zu unterstützen, um damit ihr eigenes Zeitguthaben äufnen zu können. Das Instrument der KISS-Zeitvorsorge sind die Zeitgutschriften. Die für eine Leistung aufgewendete Zeit wird dem/der Leistungsempfänger/in auf dem Zeitkonto belastet, und dem/der Leistungserbringer/in auf ihrem Zeitkonto gutgeschrieben. Die Masseinheit ist die Stunde. Die Art der in dieser Stunde bezogenen bzw. erbrachten Leistung ist nicht ausschlaggebend: Eine Stunde ist eine Stunde. Die Zeit hat bei KISS jedoch keinen Währungscharakter. Dezentral organisiert Der Verein KISS ist in Genossenschaften für jeweils ein Gebiet von rund 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern organisiert. Die Genossenschaften organisieren die Vermittlung zwischen den Nachfragenden und den Anbietenden von Betreuungs- und Begleitungsaufgaben, bereiten sie auf diese Aufgaben vor und beraten und unterstützen sie. Sie pflegen den Kontakt mit Behörden und arbeiten mit den Organisationen zusammen, die sich in ähnlichen Bereichen engagieren (Spitex, Pro Senectute usw.). Der Verein KISS wurde 2010 gegründet. Zwei Genossenschaften bestehen seit 2012, KISS Obwalden und KISS Luzern. In Uri, Zug, Zürich, Glarus, Aargau und weiteren Kantonen sind Vorbereitungen und Gespräche im Gange.
Weitere Informationen: Zeitvorsorge Kiss

Der Dachverband Schweizer Jugendparlamente DSJ hat 2015 ein neues Projekt lanciert, um Jugendparlamente noch besser unterstützen und beraten zu können. Die 60 in der Schweiz bestehenden Jugendparlamente sind eine bewährte Form der überparteilichen politischen Nachwuchsförderung, wo Jugendliche sich für Jugendliche engagieren und etwas bewirken können. Hier können sie früh, direkt und nachhaltig am politischen Leben in ihrer Gemeinde teilnehmen und ihr Lebensumfeld mitgestalten. In Jugendparlamenten erhalten Jugendliche in ihrer Freizeit nebenbei eine praxisnahe, unbürokratische und jugendgerechte milizpolitische Ausbildung.

jugendparlamentSensibilisierung und einem guten Krisen-Coaching, die Zahl der Jugendparlamentsauflösungen zu verringern und die bestehenden Jugendparlamente längerfristig nachhaltig zu stärken. Der DSJ möchte damit Jugendparlamente bei Herausforderungen und Problemen, die immer wieder auftauchen, ihre Arbeit behindern und vom Wesentlichen ablenken, durch seine Beratung noch besser begleiten und unterstützen.

Seit Beginn des Projektes wurde je ein Treffen der lokalen Jugendparlamente in den 3 Sprachregionen durchgeführt, wobei die Herausforderungen und Fragen der JugendparlamentarierInnen diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht wurden.

Ein wichtiges Thema, welches an den drei Treffen diskutiert wurde, ist die Gewinnung neuer Mitglieder. Denn Mitglieder sind der Kern eines Jugendparlaments. Ohne Mitglieder werden keine Ideen umgesetzt und kann nichts bewegt werdenWichtig für die Motivation der Mitglieder ist eine gute Dynamik im Team, die gemeinsame Überzeugung und der Wille sich für die Anliegen der Jugend zu engagieren sowie inhaltliche Erfolgserlebnisse. Jugendliche müsse sehen, dass sie etwas bewirken und verändern können und von der Politik ernst genommen werden. Diese Aspekte steigern die Motivation für weiteres Engagement und ein längerfristiges Commitment deutlich. Hindernisse für ein Engagement sind oftmals Zeitmangel und Überforderung. Der DSJ versucht mit seinen Unterstützungsangeboten und Hilfsmaterialien genau dort anzusetzen.

Die an den Treffen besprochenen Inhalte fliessen unter anderem in die neuen Beratungsbroschüren, welche die Themen Organisation, Mitglieder, Tätigkeiten sowie Netzwerk behandeln und im Herbst vom DSJ herausgegeben werden, ein. Ab Herbst bietet der DSJ den JugendparlamentarierInnen ebenfalls spezifische Workshops zu diesen 4 Themen an.

Seit anfangs Juni ist zudem die neue DSJ-Website engage.ch online, welche Jugendlichen die Möglichkeit bietet ihre Anliegen einzubringen und Fragen zur Politik zu stellen. In Zusammenarbeit mit dem Projekt engage.ch konnte auch die Idee der Jugendparlamentsplattform, mit Infos zu Jugendparlamenten und einer Projektdatenbank, umgesetzt werden.

Beispiel dreier Projekte

Bänkliplatz
Mehr öffentlicher Raum ist ein häufiges Anliegen von Jugendlichen. Das Jugendparlament Fraubrunnen hat deshalb gemeinsam mit einem pensionierten Werklehrer einen Bänkliplatz gebaut, an dem Jugendliche ungestört sein können, nicht völlig weit weg vom Dorfzentrum sind, aber dennoch niemanden stören. Der Platz hat zwei Bänkli, eine Feuerstelle und einen Abfalleimer.

Steuererklärung
Infoanlass für Jugendliche: Viele Jugendlichen kennen die gravierenden Folgen einer nicht eingereichten Steuererklärung nicht. Aus diesem Grund stellen Steuerschulden bei etlichen Jugendlichen eine grosse Schuldenfalle dar. Das Jugendparlament Köniz hat beim Gemeinderat ein Postulat eingereicht, damit diesbezüglich entsprechende Unterstützungs- und Sensibilisierungsmassnahmen  getroffen werden. Dank diesem Postulat soll durch die Steuerverwaltung neu eine Sprechstunde in den Jugendtreffes der Gemeinde angeboten werden.

Speeddebating
Um das politische Interesse und die politische Partizipation von Jugendlichen zu fördern organisiert das Jugendparlament Kanton Genf vor den Abstimmungen jeweils Speeddebating-Anlässe. Dabei haben Jugendliche die Möglichkeit sich interaktiv über Abstimmungsvorlagen zu informieren und mit PolitikerInnen zu diskutieren/debattieren.

Bis Ende Jahr ist die Erfassung von vielen weiteren Jugendparlamentsprojekten sowie die Bereitstellung von nützlichen Mustervorlagen für den Jugendparlamentsalltag auf engage.ch geplant.

Zitate von JugendparlamentarierInnen

Catherine Liechti (Präsidentin Jugendparlament Köniz) : Ich finde es wichtig, dass Jugendliche die Möglichkeit haben sich in ihrer Gemeinde einzubringen und politisch mitzuwirken. Jugendliche können so viel lernen, wichtige Erfahrungen sammeln und etwas verändern. Gemeinden können von einem Jugendparlament profitieren, weil Jugendliche die Möglichkeit haben der eigenen Unzufriedenheit in der Gemeinde entgegenzuwirken.

Adrian Mangold (ehemaliger Präsident Jugendrat Baselland) : In einem Jugendparlament lernt man Verantwortung zu übernehmen, im Team zu arbeiten und Projekte umzusetzen. Dies sind wichtige Fähigkeiten, welche einem auch im späteren Arbeitsalltag nützlich sein können.

Liridona Berisha (Präsidentin Jugendparlament Wauwil) : Ich finde, wir haben in der Schweiz das Privileg mitbestimmen und mitgestalten zu können. Deshalb engagiere ich mich, mit grosser Leidenschaft, im Jugendparlament Wauwil. Meine Motivation ist es, den Jugendlichen eine mögliche Anlaufstelle zu bieten, um Ihre Meinung äussern zu können. Denn die Jugendlichen sind es, die in Zukunft mit den Entscheidungen von heute leben müssen. Ich denke zu einer Demokratie gehört die Stimme der Jugendlichen dazu und diese Wertvorstellung möchten wir in die Gemeinde integrieren.

Im Herbst 2013 waren es die zahllosen syrischen Flüchtlinge, die vor Lampedusa im Meer ertranken. Und im Sommer 2014 war es der Flüchtlingsstrom vom Nahen Osten über den Balkan nach Österreich und Deutschland, der in der Schweiz eine Welle von Betroffenheit und Solidarität auslöste. Bei Asylorganisationen, Hilfswerken, staatlichen Stellen und Kirchen meldeten sich viele Schweizerinnen und Schweizer, die sich für Flüchtlinge einsetzen und sie privat bei sich aufnehmen wollten. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) gelangte bereits 2013 mit der Bereitschaft, Flüchtlinge im privaten Rahmen unterzubringen und zu begleiten, an Bund und Kantone. Und die SGG unterstützte das Pilotprojekt von Anfang an finanziell. Was ist zwei Jahre später daraus geworden? Die SGG sprach mit Stefan Frey, dem Mediensprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe.

fluechtlingeHerr Frey, an sich war es ja bis vor 20-30 Jahren selbstverständlich, dass Flüchtlinge bei Privaten untergebracht wurden. Die Massen-Unterbringung in Asylzentren ist neueren Datums. Warum ist die private Unterbringung heute ein Problem?

Die Asylgesetzgebung hat ist seit den 80er Jahren, insbesondere nach den Balkankriegen, stetig komplexer und restriktiver geworden. Wir haben fast ein Dutzend Gesetzesrevisionen hinter uns, die ebenso wenig etwas an den Fluchtursachen geändert haben wie an der Tatsache, dass Menschen in der Schweiz Schutz suchen. Dafür wurden Mitmenschlichkeit, Gastfreundschaft, überhaupt das Mitwirken der Zivilgesellschaft durch Bürokratie ersetzt. Die Aufnahme von Flüchtlingen und Asylsuchenden bei Privaten musste sozusagen neu „erfunden“ werden, um in der heutigen Asylmaschinerie Eingang zu finden.

Welche positiven Rückmeldungen erhalten Sie von den Gastgebern und den Gästen?

Ganz allgemein melden uns bisher alle Gastfamilien zurück, dass der Austausch mit ihren Gästen eine Bereicherung darstelle. Man lerne andere Kulturen, andere Gewohnheiten kennen. Allerdings, und dass ist das wirklich Sensationelle, lebt man schon nach wenigen Wochen einen völlig normalen Alltag unter demselben Dach. Eines der Ergebnisse ist die sehr schnelle Anpassung der Gäste an Sprache und Rhythmus, aber auch an das alltägliche Leben in einem für die meisten von ihnen doch recht komplizierten Land.

Bei den staatlichen und kantonalen Asylämtern herrschten anfangs grosse Skepsis und Widerstände gegen die private Unterbringung. Haben sich diese gewandelt? Wenn ja, wo und wie? Wenn nein, warum nicht?

Wir stellen zunehmend eine Öffnung hin zur privaten Unterbringung als ein Instrument für die schnellere und effizientere Integration von Flüchtlingen fest. Der Kanton Basel-Stadt startet ab Dezember die private Unterbringung in Zusammenarbeit mit einer lokalen NGO – GGG – ausdrücklich in Anlehnung an das Projekt der SFH. Das freut uns natürlich sehr. Die Kantone Neuchâtel, Solothurn, Luzern und Zug haben sich bei uns eingehend informiert und überlegen sich nun ebenfalls ob und wie ein stärkerer Einbezug der Privaten erfolgen könnte. Im Kanton Zürich sind die kirchlichen Organisationen in die Offensive gegangen, ausserdem ermöglicht die AOZ die Aufnahme von Asylsuchenden bei Privaten. Es bewegt sich – wohl auch weil der „Leidensdruck“ bezüglich der Unterbringungsmöglichkeiten gestiegen ist – einiges, was vor Monaten noch nicht denkbar gewesen wäre.

Welches sind die tatsächlichen oder potenziellen Gefahren der privaten Unterbringung von Flüchtlingen?

Es kann sich nach Tagen oder Wochen herausstellen, dass man – trotz einem für beide Seiten noch unverbindlichen Erst-Gespräch – doch nicht zusammenpasst. In einem solchen Fall müssten die Gäste wieder in die kantonalen Strukturen zurück kehren – oder wir müssen einen anderen, geeigneten Platz finden. Das würde zusätzlichen Aufwand bedeuten. Es könnte der Fall eintreffen, dass Asylsuchende, die sich im Verfahren befinden, während des Aufenthaltes bei Privaten einen negativen Entscheid erhalten und das Land verlassen müssten. Dies würde vor allem auch auf der emotionalen Ebene unter Umständen schwierig. Wir versuchen dies mit zum voraus klaren Bedingungen – die Privaten müssen sich an die Weisungen der kantonalen Behörden halten – zu bereinigen. Ausserdem platzieren wir nur Asylsuchende aus Herkunftsländern mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit für einen positiven Asylentscheid (Flüchtling oder Vorläufig Aufgenommene), d.h. Menschen aus Syrien, Eritrea, Somalia, Afghanistan. Darüber hinaus werden die potenziellen Gäste von den jeweils zuständigen Betreuungspersonen in den Kantonen sehr sorgfältig ausgesucht. Was Risiken im zwischenmenschlichen Bereich reduzieren soll. Bis heute – nach knapp zehn Monaten - haben wir jedoch noch keine negative Erfahrung gemacht.

Welche professionellen Hilfestellungen können angeboten werden, wenn es zwischen Flüchtlingen und ihren Gastgebern zu Missverständnissen, Konflikten oder Überforderungssituationen kommt?

Grundsätzlich ist es so, dass die Gäste im kantonalen Asylsystem verbleiben, also dieselben Dienstleistungen wie Krankenversorgung, Sozialhilfe usw. erhalten. Darüber hinaus stellt die SFH interkulturelle Übersetzer als Partner von Gastfamilie und Gast zur Verfügung. Am Anfang werden wöchentlich Meetings vor Ort durchgeführt, um frühzeitig Missverständnisse, unverträgliche Gewohnheiten oder offene kulturelle Fragen – z.B. im Bereich Religion – auf den Tisch zu bringen, bevor sich Spannungen aufbauen können.

Wie sieht die zahlenmässige Entwicklung aus? Wie viele Gastgeberinnen und Gastgeber gibt es auf der einen Seite und wie viele Flüchtlinge, die eine Privatunterkunft suchen, auf der anderen?

Bis Ende November haben wir rund 30 Gastfamilien, die entweder bereits Flüchtlinge bei sich aufgenommen haben oder aufgrund der Vorabklärungen ab sofort für die Aufnahme bereit wären. Somit können wir im Moment  50 – 60 Menschen bei Gastfamilien unterbringen. Mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen können pro Woche ein bis zwei Gastfamilien Flüchtlinge empfangen.

Wie sieht es mir den Finanzen aus? Was bezahlt der Staat pro Flüchtling an den Flüchtling, an die Gastgeber und an die SFH für Vermittlung und Begleitung? Und welcher Beitrag fehlt noch in der Kasse der Flüchtlingshilfe?

Die finanziellen Regelungen (und Beträge) für die Flüchtlinge und deren Unterbringung bleiben auch mit dem Einsatz von Gastfamilien dieselben (je nach Kanton unterschiedlich). Die Gastfamilien werden vom Kanton lediglich für den zur Verfügung gestellten Wohnraum entschädigt, was sich nach den geltenden Ansätzen, die sich auf die ortsüblichen Mieten abstützen, richtet. Die SFH übernimmt die Lohnkosten für die Vermittlung, die Rekrutierung und die Begleitung der Gastfamilien sowie die Kosten für die interkulturellen Übersetzer. Daneben fallen Kosten etwa für Transporte bei zusätzlichen Sprach- oder Ausbildungskursen an, die von den Kantonen nicht übernommen werden. In Einzelfällen braucht es einen gewissen Anschub für einen zusätzlichen Kurs oder es fallen Kosten an für die Bereitstellung von Velos (aus den Velobörsen) wenn die Wohnorte etwas abseits von öffentlichen Verkehrsmitteln liegen. Ein Thema ist ebenfalls die Kommunikation beziehungsweise der Zugang zum Internet. Der SFH sucht für das Jahr 2016 noch rund 150‘000 Franken.

Welchen Status haben die Flüchtlinge, die privat wohnen dürfen? Ist es absehbar, dass Flüchtlinge im Asylverfahren auch privat statt in Asylzentren unterkommen können?

In den Kantonen Waadt und Genf werden ganz bewusst Asylsuchende, die noch im Verfahren sind, für Gastfamilien ausgesucht. Je schneller die ersten Integrationsschritte gemacht werden können, umso grösser die Chance, dass die später anerkannten Flüchtlinge oder Personen mit einer vorläufigen Aufnahme nicht in der Sozialhilfe landen. Ansonsten haben die bei Gastfamilien untergebrachten Flüchtlinge keinen besonderen Status, wir möchten auch gar nicht, dass durch das Gastfamilienprojekt eine neue Kategorie von Flüchtlingen geschaffen wird.

Jährlich kommen über 600 Kinder und Jugendliche ohne Begleitung eines Elternteils oder einer anderen sorgeberechtigten Person in die Schweiz kommen und stellen ein Asylgesuch. Diese sogenannten UMAs geniessen in der Kinderrechtskonvention und in der Schweizer Bundesverfassung besonderen Schutz. Laut Verordnungen von Dublin III muss die Schweiz dafür sorgen, dass den UMAs eine Vertretungsperson zugewiesen wird, die über Qualifikationen und Fachkenntnisse verfügt sowie Zugang zur Akte der minderjährigen Person hat. Dem Wohl des Kindes muss besonders Rechnung getragen werden bei der Möglichkeit einer Familienzusammenführung, beim Wohlergehen und der sozialen Entwicklung, bei allfälligen Sicherheitserwägungen sowie bei der gebührenden Berücksichtigung der Ansichten der asylsuchenden Person. Wie schätzen Sie die konkreten staatlichen Massnahmen in der Schweiz diesbezüglich ein?

Der Bereich der UMAs befindet sich derzeit im Umbruch, weil die zur Verfügung stehenden Infrastrukturen in vielen Kanton nicht genügen – andere haben jedoch ihre Hausaufgaben gut gelöst - und die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen ständig steigt. Die SFH beteiligt sich im Rahmen der vom Staatssekretariat für Migration SEM, zusammen mit den Kantonen ausgelösten Diskussionen mit konkreten Vorschlägen. Es zeichnet sich ab, dass das Gastfamilienkonzept der SFH unter Berücksichtigung der spezifischen Bedürfnisse der geflüchteten Kinder und Jugendlichen zu einem Lösungsansatz beitragen könnte. 

Man ist, was man isst: die multikulinarische Schweiz

Migration und Asylpolitik bilden nicht erst seit dem jüngsten Flüchtlingsstrom ein zentrales Thema in der Schweiz und in Westeuropa. Das Thema konfrontiert einerseits mit den tieferen Gründen der Migration: Kriege, Terror, Armut, Korruption und Menschenhandel in den Herkunftsländern. Und andererseits konfrontiert uns das Thema hierzulande mit Verlustängsten und der Akzeptanz einer multikulturellen Gesellschaft. Kulturelle und religiöse und Vielfalt wird in den Medien und in der Öffentlichkeit vorwiegend als Problem empfunden und dargestellt. In der Wirtschaft wird kulturelle Vielfalt längst als Reichtum entdeckt und durch Diversity Management bewusst gefördert. Im gesellschaftlichen Alltag wird die kulturelle Vielfalt bisher vor allem an einem Ort als Bereicherung empfunden: am Kochherd. Die Autorin Séverine Vitali und die Fotografin Ursula Markus haben mit 16 Porträts von Flüchtlingen aus aller Welt ein aussergewöhnliches Kochbuch kreiert.

Im Kanton Zürich lebende Flüchtlinge erzählen ihre Lebensgeschichte und teilen ihre Rezepte: Poulet-Schenkel an Joghurt-Sauce aus Sri Lanka, Peperoni-Salat aus Honduras, Quinoa-Suppe aus Peru, Linsengerichte aus Eritrea, Reis mit Fisch aus Senegal, Paprika-Huhn aus Guinea, Rindfleischsuppe aus der Mongolei, gedämpfte Teigtaschen aus Tibet, Gefülltes Gemüse aus Irak, Reis mit Nüssen aus Jemen, Kokoskuchen aus Syrien, Kichererbsen-Mousse und Couscous-Salat aus Libanon, Rindfleisch mit Bohnen aus Iran sowie Kardamon-Pudding und Fladenbrot aus Afghanistan.

Angestossen wurde das Kochbuch-Projekt vom Solinetz Zürich. Der Verein setzt sich für die Würde und Rechte von Flüchtlingen, Sans-Papiers und Asylsuchenden ein. Das Solinetz organisiert Deutschkurse, Mittagstische, Unterstützung bei Amtsgängen sowie Besuche von Gefangenen in der Ausschaffungshaft. Ziel ist es, die Bevölkerung für die Situation von Flüchtlingen zu sensibilisieren. Dieses Kochbuch ist zweifellos ein ideales Hilfsmittel.

Die SGG hat dieses einzigartige Kochbuch zusammen mit der Göhner Stiftung ermöglicht.

heimat im kochtopfSéverine Vitali, Ursula Markus
Heimat im Kochtopf
Rezepte von Flüchtlingen aus aller Welt
Rotpunktverlag, Zürich 2015, 271 Seiten, ISBN 978-3-85869-671-7