Einzelfallhilfe

Die SGG hilft jedes Jahr mehreren hundert Personen und Familien aus finanziellen Notsituationen.
Die SGG verwendet dafür eigene Mittel sowie Gelder, die ihr von Gönnern und Stiftungen anvertraut werden. Sinnvolle und wirksame, verantwortungsvolle und nachhaltige Förderung verlangt immer mehr Know-how.
Gesuche für Einzelfallhilfen sind über einen professionellen Sozialdienst einzureichen. Ein Gesuch beinhaltet vollständige Angaben zur begünstigten Person, ein Budget, allenfalls einen Vermögensausweis, den Zweck der Hilfe und Angaben zu den Perspektiven (siehe Merkblatt).

Die SGG nimmt nur Gesuche ab Fr. 2000.- entgegen und verlangt im Falle von steuerpflichtigen Personen von den Gemeinden einen Steuererlass.

Für Gesuche wird das Gesuchsformular der SGG verwendet.

Merkblatt Einzelfallhilfe

Merkblatt Zahnbehandlungen

Gesuchsformular

 

Immer mehr Menschen fallen in die Sozialhilfe und verbleiben dort immer länger. Gleichzeitig stehen die kommunalen Sozialfachstellen unter immer grösserem Zeit- und Spardruck. Dies bekam die SGG durch eine steigende Zahl von Gesuchen zu spüren.

einzelfallhilfe

SGG fördert das Wissen über Sozialhilfe
Die kommunalen Sozialfachstellen wälzten auf Grund von Sparmassnahmen auch anno 2016 viele Auf- und Ausgaben, die in ihren eigenen Verantwortungsbereich gehörten, an die SGG und an andere private Förderorganisationen ab. Der finanzielle Druck nimmt aber auch von Seiten der Invalidenversicherung stetig zu. Die Wartezeiten auf eine IV-Rente beträgt Jahre. Und die Ablehnungsgründe erscheinen den Sozialdiensten und Ärzten oft schleierhaft. Weil in den letzten Jahren vor allem die nachhaltigen Mittel für Bildung und Integrationsmassnahmen in den Gemeinden reduziert wurden, wird die Armut immer weniger bekämpft und immer mehr verwaltet. Darum hat die SGG den Sozialhilfe-Ratgeber «Wenn das Geld nicht reicht» von Corinne Strebel finanziell ermöglicht und mit Erfahrungen aus der Einzelfallhilfe angereichert. Das Buch wurde primär für Armutsbetroffene verfasst, damit sie sich über ihre Rechte und Pflichten informieren können. Es gehört aber auch auf den Schreibtisch von Stiftungen, Hilfswerken und Vermögensverwaltungen, die Einzelfallhilfe leisten. Schliesslich sollte der Ratgeber auch Pflichtlektüre sein für alle, die auf kommunalen Sozialfachstellen arbeiten oder im Gemeinderat Entscheide treffen.

Schauergeschichten und Erfolgsmeldungen
Manchmal traut man seinen Augen nicht, wenn man die Unterstützungsgesuche von Sozialämtern liest. Frau A. arbeitet zu 100% und kommt kaum über die Runden. Das IV-Gesuch ihres Gatten ist seit vier Jahren hängig. Sie erhält keine Sozialhilfe, da das Einkommen knapp über dem Existenzminimum liegt. Das Sozialamt riet ihr zur Scheidung oder die Arbeitsstelle zu kündigen. Frau B. wurden von der Sozialhilfe 600 Franken pro Monat abgezogen, da sie laut Sozialamt angeblich Kinderalimente vom Vater der Kinder erhalte. Der Kindsvater bezahlt diese aber nachweislich nicht. Die türkischstämmige Frau L. bat den Sozialdienst ihrer Wohngemeinde um Hilfe beim Verfassen von Unterstützungsgesuchen für eine Berufsausbildung. Der Sozialdienst weigerte sich aber. Frau L. wandte sich darum an den Sozialdienst ihres früheren Wohnortes, wo sie die nötige Unterstützung erhielt. Die SGG erhielt aber auch zahlreiche positive Nachrichten von unterstützten Personen, die wieder in den Arbeitsprozess integriert wurden, ihre Schulden beglichen, ihre Wohnung behalten durften, eine Therapie oder eine Zahnsanierung abschlossen. Ein Mann, der 1998 von der SGG einen Zuschuss für seine Ausbildung erhielt, zahlte diesen im Sommer 2016 unaufgefordert zurück, damit die SGG das Geld für Stipendien an eine andere Person ausgeben könne. Von einer Sozialfachstelle erhielt die SGG folgenden Dankesbrief: «Ich wollte mich, auch im Namen von Herrn C., nochmals für die von der SGG gesprochenen 2'000.- Franken an die Fahrstunden bedanken. Herr C. hat die Autoprüfung erfolgreich bestanden und kann nun eine bezahlte Stelle antreten, so dass eine Ablösung vom Sozialdienst möglich ist.» Ein anderer Dankesbrief erreichte uns aus dem Kanton Waadt: «Dank Ihrer Hilfe konnte Frau D. die Ausbildung von GastroVaud absolvieren. Dank des Kantonalen Fähigkeitszeugnisses erhielt sie eine Stelle in einem Restaurant und benötigt nun keine Sozialhilfe mehr.»

Im Berichtsjahr 2016 hat die SGG wie in den früheren 206 Jahren armutsbetroffene Menschen und Familien finanziell unterstützt. Daneben hat die SGG die Schaffung des Beobachter-Ratgebers «Wenn das Geld nicht reicht» zum Thema Sozialhilfe unterstützt. SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger sprach mit Professor Walter Schmid, dem ehemaligen Direktor der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern und ehemaligem Präsidenten der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS).

walter schmidHerr Schmid, Sie sind quasi der «Mister Switzerland» des Sozialbereichs, haben 15 Jahre lang die SKOS präsidiert, leiteten die Schweizer Flüchtlingshilfe, waren Projektleiter der geplanten Solidaritätsstiftung und waren bis vor kurzem Direktor der Hochschule Luzern für Soziale Arbeit. Sie wissen, wem zwischen Rorschach, Genf und Lugano wie stark der Schuh drückt. Wie nehmen Sie heute Armut in der reichen Schweiz wahr, wenn Sie mit 1980 oder noch früher vergleichen?

Im Gegensatz zu früher wird Armut heute fast ausschliesslich als Versagen einer einzelnen Person verstanden. Sie oder er hat es nicht geschafft. Und je mehr der Wohlstand für einen Teil der Bevölkerung wächst, umso mehr sucht man die Ursache für das Versagen beim Individuum. Es gibt nur mehr Wenige, die die strukturellen Ursachen der Armut thematisieren. Zum Beispiel die mangelhaften Leistungen für einkommensschwache Familien, was erklären könnte, weshalb jedes zehnte Kind in der Schweiz von der Sozialhilfe lebt. Oder das Faktum, dass über Fünfzigjährige, die arbeitslos werden, kaum mehr in die Arbeitswelt zurückfinden. Wir kennen die verzweifelten Menschen, die gerne wieder arbeiten würden, aber keinen Job mehr bekommen und sich von der Gesellschaft im Stich gelassen fühlen.

Wie fördert man die Anstellung von Personen über 50? Durch gesetzlichen Zwang oder durch steuerliche Anreize oder durch Coaching- und Mentoring-Programme, die effektiver sind als jene, die von den RAV angeboten werden? Oder sind Sozialfirmen wie die Dock Gruppe die Lösung?

Durch gesetzliche Anpassungen lassen sich zunächst einmal bestehende Fehlanreize beheben. So sollten die Soziallasten für die Arbeitgeber in den oberen Altersklassen nicht zunehmen, sondern abnehmen. Auch steuerliche Anreize wären zu prüfen. Gewerkschaften und Arbeitgeber sollten lernen, dass Löhne nicht wie ein Naturgesetz linear mit dem Alter steigen müssen und so die Lohnkosten älterer Arbeitnehmer überteuert. Vor allem aber braucht es innovative Sozialpartner, welche neue Arbeitszeit- und Beschäftigungsmodelle entwickeln und Win-win-Situationen schaffen. In den letzten zehn Jahren haben zwar alle davon geredet, dass es bald zu einem Mangel an Fachkräften kommen werde. Den betroffenen Stellenlosen über 50 hat dies aber herzlich wenig genützt.

Sie präsidierten die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe, die SKOS. Die Richtlinien der SKOS sind nicht verbindlich, sie haben keine demokratische Legitimation und darum eher Empfehlungscharakter. Viele Gemeinden halten sich nicht an die SKOS-Richtlinien, sondern definieren das Existenzminimum eigenmächtig und haben die Beiträge für Wohnkosten seit Jahrzehnten nicht mehr angepasst. Manche Gemeinden wimmeln Sozialhilfebeziehende geradezu ab, andere zwingen Sozialhilfebeziehende zum Umzug in billigere Wohnungen, bezahlen aber nichts, wenn durch den raschen Umzug für 1-2 Monate doppelte Mieten entstehen. Natürlich haben es die Bürgerinnen und Bürger in der Hand, sozialere Gemeinderäte zu wählen. Gibt es aber noch andere Lösungen, um zu vermeiden, dass Gemeinden den Sparhahn vor allem in der Sozialhilfe ansetzen?

Sie sprechen hier gleich eine Vielzahl von Problemen an. Die Harmonisierung der Sozialhilfestandards in der Schweiz ist ein sehr altes Postulat. Die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) haben in den vergangenen Jahrzehnten für einen gewissen Ausgleich sorgen können. Letztlich liegt aber die Hoheit über die Sozialhilfe gemäss Verfassung bei den Kantonen, die wiederum den Gemeinden Spielräume offenlassen. Ob SKOS oder SODK (Konferenz der Sozialdirektionen der Kantone), es bleibt bei Empfehlungen. Und die jüngste Entwicklung im Kanton Bern, welcher die eben beschlossenen Richtlinien unterlaufen will, zeigt die begrenzte Wirkung solcher Empfehlungen. Gerade schwache Exekutivmitglieder sind zudem versucht, beim Thema Sozialhilfe populistischen Strömungen nachzugeben und auf Harmonisierungsbemühungen unter den Kantonen keine Rücksicht zu nehmen. So bleibt wohl nur eine Bundeslösung, auch wenn das Parlament eine solche kürzlich wieder abgelehnt hat. Die Tendenz, Sozialhilfeempfänger abzuschieben, hat weniger mit den Richtlinien zu tun, sondern ist der Versuch, Gesuche gar nicht entgegen nehmen zu müssen oder den Menschen in der Sozialhilfe das Leben madig zu machen, so dass sie von selber gehen. Ich finde ein solches Verhalten besonders betrüblich. Selbstverständlich soll man auch in der Sozialhilfe haushälterisch mit den Mitteln umgehen. Mit einem gerechten Lastenausgleich könnte man immerhin vermeiden, dass einzelne Gemeinden besonders unter Druck kommen und den Schwarzen Peter ziehen.

Armut wird in der Schweiz oftmals nicht bekämpft, sondern nur verwaltet. Die meisten Gemeinden bezahlen keine Aus- und Weiterbildungen oder Fahrstunden, wodurch die Chance wachsen würde, aus der Nothilfe herauszukommen und in die Arbeitswelt integriert zu werden. Wie könnte die Professionalität und Nachhaltigkeit gesteigert werden? Regionalisierung der Sozialfachstellen analog zur KESB, welche die kommunalen Vormundschaftsbehörden abgelöst haben? Oder wäre eine verpflichtende Grundausbildung in Sozialer Arbeit für kommunale SozialvorsteherInnen und SachbearbeiterInnen im Sozialamt die Lösung?

Zum Glück gibt es auch die anderen Gemeinden, wo Fachleute und Behörden erfahren haben, dass sich Investitionen in Menschen lohnen, wenn diese dafür aus der Sozialhilfe herauskommen. Wichtig ist, dass die Leute an der Front über die nötigen professionellen Qualifikationen verfügen. Deshalb ist gerade kleineren Gemeinden ohne Sozialdienst der Zusammenschluss mit anderen zu empfehlen.

Dadurch, dass die Gemeinden die Art und Höhe der Sozialhilfe bestimmen, wird de facto das Prinzip der Rechtsgleichheit verletzt. Denn je nachdem wo die Sozialhilfebeziehenden leben, sind der Grundbedarf und die Freibeträge unterschiedlich hoch festgelegt. In einigen Kantonen erhalten Familien Ergänzungsleistungen. Und je nach Kanton und Gemeinde müssen Sozialhilfebeziehende ihre Zahnarztrechnungen teilweise selbst bezahlen und die erhaltene Sozialhilfe früher, später oder gar nicht zurückzahlen. Die Städte-Initiative Sozialpolitik und die SKOS plädieren für ein Sozialhilfe-Rahmengesetz auf Bundesebene, der Schweizerische Gemeindeverband könnte sich ein kantonales Konkordat vorstellen. Künftig wird die SODK zentrale Änderungen bei den Richtlinien verabschieden. Wie können wir fortan die Rechtsgleichheit landesweit garantieren? Welche Lösungen sehen Sie, auf die wir nicht Jahrzehnte warten müssten?

Zum Teil sind die Rechtsungleichheiten tatsächlich stossend. Allerdings ist es der Preis des Föderalismus, dass er zu gewissen Ungleichheiten führt: bei den Steuern, den Prämienverbilligungen, der Gesundheitsversorgung, den Krippentarifen und vielem mehr. So ist immer zu fragen, ob und mit welcher Begründung sich Ungleichheiten rechtfertigen lassen. In der Sozialhilfe sehe ich keine einleuchtenden Gründe ausser bei den Krankenkassenprämien und Wohnkosten, die örtlich verschieden sind. Was aber den Grundbedarf, allfällige Zulagen und die Übernahme von ausserordentlichen Kosten betrifft, gibt es meines Erachtens keine Gründe. Im Gegenteil: Die Verfassung verlangt in vergleichbaren Situationen die Gleichbehandlung. Da ein Bundesgesetz wieder in Ferne liegt und wohl auch ein kantonales Konkordat ein Jahrhundertvorhaben werden könnte, bleibt als Hoffnung die Rechtsprechung, welche wenigstens die grössten Unterschiede ausgleichen könnte. 

In der Schweiz sind rund 9% arm. Im Jahr 2014 bezogen 261'983 Personen Sozialhilfe. Die Sozialhilfe wird vor allem aus den Steuern finanziert. Welche alternativen Finanzierungsmodelle halten Sie für notwendig und realistisch umsetzbar? Braucht es eine Besteuerung von Finanztransaktionen, Energie und Konsum? Ist das Grundeinkommen die Lösung? Oder kommen wir nicht darum herum, dass die einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner wieder mehr Verantwortung für sich selbst und für ihre Kinder, Geschwister, Eltern und Grosseltern übernehmen?

Ich bin der Auffassung, dass schon heute sehr viele Menschen für ihre Angehörigen und Nächsten Verantwortung übernehmen. Die hohe Nichtbezugsquote, also Leute, die kein existenzsicherndes Einkommen haben und trotzdem auf Sozialhilfe verzichten, deutet darauf hin, dass Solidarität zwischen den Angehörigen, den Generationen und Freunden kein leeres Wort ist. Dass die Sozialhilfe über Steuern finanziert wird, sehe ich nicht zwingend als Nachteil. Im Gegensatz zur IV oder der ALV, die gelegentlich wieder unter grossen Opfern saniert werden müssen, sind die Ausgaben der Sozialhilfe Teil der ordentlichen Budgets. Viel vom politischen Druck könnte man wegnehmen, wenn die Sozialhilfe nicht kommunal, sondern kantonal finanziert würde. Das zeigen die Kantone der Westschweiz, in denen die Sozialhilfe weniger skandalisiert und politisiert wird. Da die Sozialhilfe nur drei Prozent der Sozialausgaben insgesamt ausmachen – viele Leute sind sich des geringen Anteils der Sozialhilfe am Sozialaufwand nicht bewusst – wird sie nicht den Ausschlag geben für die Finanzierungsmodelle, die unsere Gesellschaft in Zukunft braucht.

Armut wird nicht selten von einer Generation zur nächsten vererbt. Wie lautet das Zauberwort?

Ich habe das Bild von der Vererbung nicht gerne. Auch wenn es nur ein Bild ist, erweckt es den Eindruck, bei der Armut handle es sich um etwas Genetisches. Und diese Debatte hatten wir auch schon. Vielmehr spreche ich von einer Verfestigung der Armut, die sich tatsächlich über die Generationen einstellen kann. Wer Arbeit nur vom Hörensagen her kennt, weil niemand in der Familie je Arbeit hatte, läuft ein grosses Risiko, selber arbeitslos zu werden. Es geht also um die Durchbrechung der Perspektivenlosigkeit. Die ist es, welche den Eindruck der Unentrinnbarkeit erweckt und entsprechend das Handeln prägt. Perspektiven und Chancen öffnen! Das ist das Zauberwort.

Was möchten Sie zum Schluss noch sagen, was für eine gerechte und solidarische Schweiz wichtig wäre?

Ich wünschte mir ein Land, in dem neben Sparen und Wettbewerb noch andere und wichtigere Themen Platz haben.

geldnichtreichtEnde September erschien das Buch «Wenn das Geld nicht reicht. So funktionieren die Sozialversicherungen und die Sozialhilfe». Autorin ist Corinne Strebel Schlatter vom Beratungszentrum der Zeitschrift «Beobachter». Die SGG hat sich an der Publikation beteiligt und führte das folgende Interview mit der Buchautorin und dem Geschäftsführer der Stiftung SOS Beobachter, Walter Noser.

Im Sommerloch 2015 berichteten die Medien über die wachsende Zahl von Gemeinden, die ihre Sozialhilfe senken, Sozialhilfeempfangende abwimmeln und aus der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) austreten. Wie interpretieren Sie diesen Trend? Und wie kann man ihm beikommen?

Walter Noser: Man wird ihm nicht beikommen. Dies hat zur Folge, dass Armut in den kommenden Jahren bloss verwaltet statt bekämpft wird. Nach wie vor werden nämlich Laienbehörden über den Bezug von Sozialhilfe befinden und weiterhin in erster Instanz selber über Beschwerden befinden. Weil sich daran nichts ändern wird, werden auch die Sozialhilfekosten nach wie vor das Gemeindebudget belasten statt vom Bund bezahlt werden. In absehbarer Zeit wird es nämlich kein Bundesrahmengesetz über Sozialhilfe geben. Kein Politiker und keine Partei will sich am heissen Eisen Sozialhilfe die Finger verbrennen.

Mitten in diesem Sommer berichteten die Medien über eine Studie der Berner Fachhochschule, die aufzeigt, dass 26,3 Prozent der Personen, die Anspruch auf staatliche Unterstützung haben, davon keinen Gebrauch machen. Diese Zahl gilt für den Kanton Bern. In kleineren, ländlichen und bürgerlich regierten Gemeinden meiden offenbar sogar 50 Prozent der Sozialhilfeberechtigten aus Scham, Angst, Druck oder Unkenntnis den Gang zum Sozialamt. Wie beurteilen Sie diese Tatsache? Und was braucht es, dass Armutsbetroffene ihre Angst vor den Behörden überwinden?

Walter Noser: Die Behörden müssten auf Armutsbetroffene zugehen – nicht umgekehrt. Armutsbetroffene müssten anhand ihrer Steuerzahlen nicht nur darüber informiert werden, dass sie Anspruch auf Prämienverbilligung, sondern auch Anspruch auf weiterführende staatliche Hilfe haben.

Zahlreiche Personen fallen in der Schweiz in die Sozialhilfe, weil sie einen Unfall haben und die Abklärungen für eine Invalidenrente bis zu vier Jahren dauert. Dieses Leck im staatlichen Sozialsystem ist absurd. Gäbe es sinnvolle Lösungen?

Corinne Strebel Schlatter: Solange jede Sozialversicherung und die Sozialhilfe komplett unabhängig voneinander funktionieren, wird sich nichts ändern. Die Politik forderte vor Jahren die IV zu umfassenden Sanierungen auf. Als Folge dieser Sanierung sind die Hürden, um eine IV Rente zu bekommen, für viele unbezwingbar geworden. Um das zu ändern, müsste man das System der Sozialen Sicherheit in der Schweiz ganzheitlich betrachten. Mit der aktuellen Politik wird unter dem Strich nur selten gespart, oft aber von einer Kasse zur nächsten umverteilt.

Manche Sozialfachstellen sind nicht bereit, den unterstützten Personen eine Aus- und Weiterbildung zu zahlen, damit sie aus der Sozialhilfe rausfinden können. Lieber nehmen sie in Kauf, dass Armutsbetroffene bis zum Rentenalter Sozialhilfe beziehen. Das ist überhaupt nicht nachhaltig gedacht und volkswirtschaftlich ein Unsinn. Welche staatlichen Lösungen wären denkbar?

Walter Noser: Die Sozialfachstellen, auf denen oftmals Sozialarbeiter tätig sind, wären dazu eventuell bereit. Aber weil kurzfristig denkende Laienbehörden nur das Jahresbudget im Fokus haben, wird Armut verwaltet statt bekämpft. Die Lösung wären professionelle Behörden.

Ihr Ratgeber über die Sozialhilfe richtet sich primär an Armutsbetroffene, damit diese ermutigt und bemächtigt werden, sich gegenüber den Sozialbehörden zu wehren. Sie schreiben aber, dass Mitarbeitende auf Sozialbehörden, bei Stiftungen und Vermögensverwaltungen, welche Unterstützungsgesuche von Armutsbetroffenen bearbeiten, oft überfordert sind mit den Sozialhilferegeln, die in jedem Kanton verschieden sind und sich sogar von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden. Sollen diese Fachpersonen auch den neuen Ratgeber lesen oder was müssen diese vor allem wissen?

Corinne Strebel Schlatter: Fachpersonen sollen dieses Buch lesen, um zu wissen, wo vielen Menschen, die Sozialhilfe beziehen, der Schuh drückt. Der Ratgeber thematisiert ihre Probleme und beantwortet ihre Fragen, die sie täglich im Beratungszentrum des Beobachters stellen. Fachpersonen können dank dem Buch einen Blickwechsel vornehmen.

In der Schweiz bezogen 2014 insgesamt 261'983 Personen Sozialhilfe, 24'488 mehr als noch zehn Jahre vorher. Die Sozialhilfe wird vor allem aus den Lohnsteuern finanziert. Welche alternativen Finanzierungsmodelle halten Sie für notwendig und realistisch umsetzbar? Braucht es eine Besteuerung von Finanztransaktionen, Energie und Konsum? Ist das Grundeinkommen die Lösung? Oder kommen wir nicht darum herum, dass die einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner wieder mehr Verantwortung für sich selbst und für ihre Kinder, Geschwister, Eltern und Grosseltern übernehmen?

Corinne Strebel Schlatter: Die Zahl der Personen, die Sozialhilfe beziehen, ist in den letzten zehn Jahren angestiegen. Trotzdem wird für die Sozialhilfe verschwindend wenig Geld ausgegeben: Nur knapp 3 Prozent der Ausgaben für die Soziale Sicherheit. Umso erstaunlicher, dass die Sozialhilfe unter so starkem Beschuss steht. Trotzdem sollten alternative Finanzierungsmodelle diskutiert werden. Nicht so sehr aus rein finanzpolitischen Überlegungen, viel mehr im Sinne der Professionalität und Chancengleichheit. Warum wird die Sozialhilfe nicht versichert? Ein Bundesrahmengesetz über die Sozialhilfe mit der Finanzierung in Form einer Versicherung würde viele aktuelle Probleme der Sozialhilfe massiv vermindern.

Neben der Finanzierung bereits bestehender Armut wäre selbstverständlich die Vermeidung und Prävention von potenzieller und drohender Armut noch wichtiger. Armutsstudien belegen, dass Armut quasi vererblich ist, weil die Bildungs-Chancen bei Kindern von armutsbetroffenen Familien schlechter sind als bei Kindern aus einer bildungsnahen Umgebung. Die Weichen von Kindern in Richtung Wohlstand bzw. Armut seien quasi bereits bei der Einschulung gelegt. Das Zauberwort heisst darum frühkindliche Bildung.  Wie stehen Sie zu diesem Ansatz?

Corinne Strebel Schlatter: Frühkindliche Bildung ist ein wichtiger Ansatz der Armutsbekämpfung. Diese Programme helfen mit, armutsbetroffene Kinder im Vorschulalter so zu fördern, dass sie nicht bereits mit grossen Defiziten die Schule starten. Dies alleine reicht aber nicht aus. Unser Schulsystem baut stark auf die Mitwirkung der Eltern auf. Während der Schulzeit öffnet sich die Schere zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familien deutlich. Auch das Schulsystem muss sich mit dem Thema der Armutsbekämpfung und der Förderung von Kindern aus bildungsfernen Familien beschäftigen und sich aktiv um Lösungen bemühen.

Das Interview führte SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger

Manche Ökonomen behaupten, dass ein garantiertes Grundeinkommen die Armut in der Schweiz effizienter bekämpfen würde als das heutige komplizierte und personalintensive Sozialwesen mit AHV, KV, ALV, IV, Ergänzungsleistungen und Sozialhilfe. Kommt hinzu, dass manche Menschen in die Sozialhilfe fallen, weil sie durch einen Unfall arbeitsunfähig werden und bis zu vier Jahre auf die Genehmigung ihres IV-Gesuchs warten müssen. Den politischen Spardruck bekommen kommunale Sozialfachstellen und folglich die Armutsbetroffenen immer stärker zu spüren. Sozialfachstellen bitten darum vermehrt Förderstiftungen um Beiträge zu Gunsten von Sozialhilfebeziehenden – auch für Rechnungen und Schulden, für die klar der Staat zuständig ist. Um den Sozialfachstellen sowie Vermögensverwaltern, Vergabestiftungen und Armutsbetroffenen die Zuständigkeiten im sozialen Bereich aufzuzeigen, finanziert die SGG die Schaffung des Beobachter-Ratgebers «Kein Geld?!», der im Herbst 2016 erscheinen wird.

Zahnbehandlungen nahmen drastisch ab
Vor einem Jahr haben wir an dieser Stelle berichtet, dass die SGG in den vergangenen Jahren von Gemeinden immer mehr Finanzierungsgesuche für Zahnsanierungen oder Zahnkorrekturen erhalten hatte. Auf Grund von Gesprächen mit der Schweizer Zahnärztegesellschaft verlangt die SGG seit einem Jahr Zweitmeinungen von Vertrauenszahnärzten, die bestätigen, dass die geplante Behandlung den SKOS-Richtlinien entspricht sowie wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich ist. Diese Praxis hat dazu geführt, dass 80% weniger Zahnbehandlungen durchgeführt wurden.

Rasche Hilfe erzielt grosse Wirkung
Mit Hilfe der SGG finden viele Menschen aus einer finanziellen Notsituation oder aus der Sozialhilfe heraus. Spenden für Schuldensanierungen werden oft leichtfertig kritisiert, weil dies eine Reparatur von einem Fass ohne Boden sei. Darum verlangt die SGG, dass Personen nach einer Schuldensanierung noch längere Zeit professionelle Beratung erhalten beim Umgang mit ihrem Budget. Die SGG unterstützte beispielsweise eine alleinerziehende Mutter, die sich wegen längerer Arbeitslosigkeit verschuldet hatte. Nach der Schuldenbereinigung reichte das Erwerbseinkommen folglich wieder für den Lebensunterhalt des 4-köpfigen Haushalts. Und das Familiensystem samt Finanzen und Gesundheit stabilisierte sich rasch. Die SGG finanziert auch zahlreiche Aus- und Weiterbildungen, die der Integration bzw. dem Wiedereinstieg ins Erwerbsleben dienen. So unterstützte die SGG etwa einen 36-jährigen Familienvater, der als Chauffeur lediglich temporär arbeiten durfte, weil ihm der obligatorische Fähigkeitsausweis für gewerbliche Transporte fehlte. Unmittelbar nach Bestehen der praktischen Prüfung erhielt er eine Vollzeitstelle und fand aus der Sozialhilfe heraus.